|
Liebe alle
«Eine Gemeinschaft ist ein Geflecht aus Stimmen – Zuhören hält die Fäden zusammen», habe ich letzthin gelesen. Das scheint mir auch für unsere queerAltern-Community wichtig. Je besser wir einander zuhören und verstehen, desto stärker sind die Fäden, die uns verbinden. «Gemeinschaft entsteht nicht durch Gleichheit, sondern durch Aufmerksamkeit», auch das ist ein guter Leitgedanke. Denn, ob eine Person dem L, G, B, T, Q, I oder + angehört, hat nebst gleichen auch zu viel unterschiedlichen Erfahrungen, Prägungen, Möglichkeiten und Beschränkungen geführt. Die einen hatten guten Zugang zu Geld und andern Mitteln und Beziehungen, können sich laut Gehör verschaffen, die andern dagegen sehen sich am Rande. Umso wichtiger ist es innerhalb der queeren Community, dass wir diese Unterschiede bewusst wahrnehmen, auch die leiseren Stimmen hören und über unterschiedliche Voraussetzungen und Ziele reden.
Oder auch das: Nicht nur einmal habe ich die Erfahrung gemacht, dass ein Mann im Zug mich in eine Unterhaltung verwickelte, die so ablief, dass er redete und redete, und ich zuhörte und manchmal nachfragte. (Ich höre meistens gern zu, weil mich Vieles wirklich interessiert.) Vor dem Aussteigen nach einer Stunde bedankte sich so ein Mann dann manchmal für das interessante Gespräch. Der ist sich – nicht anders als ich – gewohnt, dass Männer reden und Frauen zuhören und findet sich darüber hinaus interessant, dachte ich zunächst etwas spöttisch. Dann aber erinnerte ich mich an den Titel eines Textes von Heinrich von Kleist: «Über das allmähliche Verfertigen der Gedanken beim Reden». Vielleicht ist es diesem Mann tatsächlich so ergangen, mein waches Zuhören hat ihn dazu gebracht, seine Gedanken zu verfertigen, was ihn selbst durchaus weitergebracht haben kann und für ihn interessant ist. Gutes Zuhören kann zu Veränderungen führen und damit sogar subversiv wirken.
Jedenfalls ist Zuhören ein grosses Thema und wir widmen im nächsten Café philosophique dem Zuhören selbst – und wir freuen uns über alle, die daran teilnehmen.
Marianne Ulmi, Vorstand queerAltern Bern |