Spiritualität queerer Menschen im Alter – Teil 2

Im Juni 2026 fand an der Uni Bern ein Workshop statt, in Kooperation der Theologischen Fakultät der Universität Bern mit den drei queerAltern-Vereinen in Basel, Bern und Zürich.
Es ging um die Frage, ob es eine altersspezifische Spiritualität gebe und wenn ja, was queere Menschen im Alter in Bezug auf Spiritualität auszeichne. Hier nun die Fortsetzung.
Workshops
Als ersten Workshop besuchte ich «Was macht Sinn - Sinnesorientierung, Rituale und Gespräche bei dementieller Beeinträchtigung». Da es ein «experimenteller Workshop war, konnte ich nicht am Laptop sitzen und schreiben – ausserdem war die Batterie schon eher am Ende und ich hatte kein Kabel und keine Steckdose.
Katharina Müller lebt im Kanton Zürich und nimmt uns mit in ihre Arbeit mit dem Mobilen Malatelier Demenz. Auf ihrer Webseite beschreibt sie das Konzept wie folgt:
«Menschen mit Demenz verlieren im Laufe ihrer Krankheit die Fähigkeit die adäquate verbale Wortfindung und Ausdrucksweise für ihre Mitteilung zu finden. Solange Worte da sind, versuchen sie mittels Metaphern und Symbolen auszudrücken, was sie bewegt.
15-jährige Erfahrung der Autorin haben gezeigt, wie persönlich, unmittelbar, intuitiv und oft weise und humorvoll die persönliche Wahrnehmung ausgedrückt wird. Selbst, wenn gesagt wird, Menschen mit Demenz hätten im fortgeschrittenem Stadium ihrer Krankheit nicht mehr die Fähigkeit zur Selbstreflexion, so doch zum sinn-bildlichen Teilen und nonverbalen Äussern ihrer tiefgreifenden Lebensveränderung oder, wie es Ganss ausdrückt, kann künstlerische ästhetische Arbeit dazu führen, dass sich Menschen mit fortgeschrittener Demenz sowohl mit Ereignissen aus ihrem vergangenen Leben, als auch mit der aktuellen Lebenssituation auseinandersetzen (Ganss 2011, ein Zaun kennt viele Farben, S.104). Wenn verbale Kommunikation nicht mehr möglich ist, bietet das begleitete Malen durch sein Sinnes- und Körperorientierung die Möglichkeit das «Leibgedächtnis» (Baer,2007, Innenwelten der Demenz) zu aktivieren und die betroffene Person, in ihre eigene Körperbewegung und persönliche Malspur zu begleiten.
Menschenbild: Menschen mit Demenz sind einzigartig in ihrer Person und können diese, auch ohne Worte, über die Sinne, ihren Körper und ihre Emotionen zum Ausdruck bringen. Sie haben, wie alle Menschen, das Bedürfnis nach Mitteilung, Einbindung und sinnvoller Betätigung, die sie in ihrer Identität und ihrer Zugehörigkeit bestätigen.»
Sinnes- und Körperorientierung konnten wir anhand eines reichhaltigen «Buffets» an Materialien selbst erLEBEN und entdecken, z.B. mit Lehm, mit Fotokarten, mit dem Betrachten von Bildern aus dem Malatelier. Die Wanderausstellung Demenz hat viele Gesichter. Ich erinnere mich auch an die Berichte von Spaziergängen im Park des Museums Rietberg, in dem Veranstaltungen des Mobilen Ateliers stattfinden. Es zählt einzig der Moment, die menschliche Begegnung im Hier und Jetzt – etwas, das ich persönlich auch im Zusammensein mit meinen Enkelinnen immer wieder erlebe und geniesse.
Einige Personen haben auch vorher gemalt, andere gar nicht – aber die «eigene Körperbewegung und persönliche Malspur» ist klar sichtbar in den Bildern. Auf dem Flyer sind einige Werke abgedruckt.
Eine Übung, die wir machten, führte zu diesen beiden Artefakten – Ausgangspunkt war eine frei gewählte Fotokarte – meine zeigte Tutenchamun. Nach einer gewissen Zeit sollten wir die Hand wechseln, was für die meisten bedeutete, es «mit links» zu versuchen.

Ja, meine Lieblingsfarbe ist violett und ich bin Ambidexter, d.h. ich kann mit beiden Händen schreiben und arbeiten, auch wenn ich aus praktischen Gründen meist die rechte zum Schreiben benutze. Besonders schwierig ist es für mich, «zeremoniell» den Tisch zu decken – aber ich nehme einfach das Besteck so in die Hände, wie es für mich stimmt, überkreuze sie und lege es ab – diesem Muster folge ich dann für den Rest des Tisches. Aber für viele Menschen macht es einen grossen Unterschied, mit der nicht-dominanten Hand zu schreiben oder malen. Die dominante Hand ist automatisiert, bei der nicht-dominanten kann aus diesen Routinen ausgebrochen werden, die Bewegungen sind langsamer und werden aufmerksamer oder achtsamer wahrgenommen – probiert es doch einmal aus.
Danach ging es weiter zu «Queere Biographiearbeit zwischen Resilienz und Sinnsuche» mit Heidi Liechti.
«Das Leben kann nur in der Schau nach rückwärts verstanden,
aber nur in der Schau nach vorwärts gelebt werden.»
(Søren Kierkegaard)
Heidi Liechti stellte sich vor, ihr Interesse für Soziologie und Public Health auf dem zweiten Bildungsweg, die Tätigkeit in Krankheitsprävention und Gesundheitsförderung, die berufsbegleitende Dissertation im Bereich Spiritual Care mit Schwerpunkt Kompetenzen im Medizinbereich.
Wenn wir unsere eigene Lebensgeschichte reflektieren, können wir Resilienz sichtbar machen, es kann dazu beitragen, Sinnquellen im Alter zu erkunden und auch den Austausch und die Verbundenheit fördern.
Es geht nicht um die Tabelle, die wir als «Lebenslauf» im Bewerbungsprozess kennen, es geht um die Innenseite des Lebens, die Gesamtheit der im Laufe des Lebens angesammelten Erlebnisse und Erfahrungen, darum im Sinne Kierkegaards «rückblickend Sinn zu finden».
Queere Biographien und Lebensverläufe haben Besonderheiten, sie zeigen Resilienz. Das lateinische Wort bedeutet «zurückspringen». Eine Feder kann gestaucht oder gedehnt werden (bis zu einem gewissen Punkt) und springt wieder zurück. Auf uns Menschen übertragen bedeutet das, wir werden aus unserem gewohnten Zustand gebracht und finden danach wieder zu einem gewissen Gleichgewicht zurück – allerdings nicht in den exakt ursprünglichen Zustand, weil wir uns verändern, lernen, Prioritäten verschieben und Stabilität entwickeln können.
Resilienz ist eine Verbindung aus Veranlagung, Prägung und Erfahrung, es gibt Selbstwirksamkeit, Problemlösungsfähigkeiten und stabile soziale Beziehungen. Der Fokus wechselt von «warum sind Menschen krank» zu «warum bleiben Menschen trotz Belastungen gesund» - Menschen, die ihr Leben als sinnvoll empfingen, sind eher bereit nicht aufzugeben.
Sinnhaftigkeit ist das Ziel und Sinnsuche der Weg. Für viele Menschen ist Spiritualität ein Weg der Sinnsuche, eine Antwort auf die Frage nach dem Wozu des Lebens. Spiritualität gibt es nie an sich. Stets ist sie eingebettet in konkrete Lebenserfahrungen und Kontexte, wie es Priscilla Schwendimann im Fokus Theologie Podcast 2024 ausdrückte.
Nach der Theorie kam die Praxis – wir hatten eine Viertelstunde Zeit, unsere queere Lebens-Zeitlinie zeichnen. Der Zeitstrahl sollte unsere Geschichte zeigen, in unserem Tempo und in unserer Tiefe. Eine Möglichkeit war die Verwendung mehrerer Farben, je eine für Beruf, Privatleben …

In der Schlussrunde wies jemand auf die in Entstehung stehende queere Kirche in Bern hin. Der nächste Gottesdienst findet am Sonntag, 8. November zum Thema «Himmelwärts. Gedenken, trösten, stärken» um 10.30 Uhr in der Heiliggeistkirche statt.
Das Gedenken an die queeren Vorfahren ist ein direktes Ergebnis aus dem berührenden Moment am Morgen des Workshops.
Ebenfalls in Bern gibt res das meditative Abendgebet in der Thomaskirche Liebefeld, am 2. Oktober, am 20. November und am 11. Dezember für jeweils 30 Minuten von 18.30 bis 19.00 Uhr.
Jemand aus dem Workshop zu den beiden Künstlerinnen «Lucie Schwob (Claude Cahun) & Suzanne Malherbe (Marcel Moore): Kunst als Widerstand und gelebte Spiritualität» wies auf die Hoffnung hin – auch wenn die Weltlage manchmal zum Verzweifeln ist, die Hoffnung nicht aufgeben. Die Workshopleiterin Kaltërina Latifi arbeitet an einem Roman, in dem die beiden queeren Künstlerinnen eine entscheidende Rolle spielen. Der Arbeitstitel ist «Antons Stein».
Am Schluss stand der Wunsch nach mehr Veranstaltungen wie heute, die Theorie und Praxis verbinden und sehr breit gefächert sind, die verschiedene Eindrücke und Inspirationen bieten.
Änn Vincent Dällenbach, queere*r Theolog*in (they/them)

