Queere Generationen im Dialog: «Offen aufeinander zugehen»

Ehrlich gesagt brauchte es an diesem Abend vom 28. Januar 2026 eine gewisse Überwindung, bei Dunkelheit, Kälte und Regen den Weg zum Café Hueber unter die Füsse zu nehmen. Während ich meinen Laptop zur Kooperation zwang, hörte ich mit einem Ohr die Diskussion beim «Eincheck-Tisch» warum es nötig ist, Pronomen zum Namen zu schreiben - bin gespannt, was auf dem Podium zu dem Thema gesagt wird und ob es nachher in der Diskussion und bei den Gesprächen beim Apéro auch Thema ist.
Daniel Frey stellt bei der Begrüssung fest, dass ausser bekannten Gesichtern auch einige neue dabei sind, gerade auch jüngere Personen, was besonders erfreulich ist.
Wir wollen offen aufeinander zugehen, interessiert Fragen stellen und das Gehörte nicht werten, auch wenn es uns nicht ganz ins Konzept passt. Charlie kann leider nicht dabei sein, ist aber auf dem Titelbild des empfehlenswerten Buches «Queer Kids – 15 Portraits» von Christina Caprez, das es bei QueerBooks in der Herrengasse für 29 Franken zu kaufen gibt. Vielleicht kommt es bei Gelegenheit auch in die Bibliothek von hab queer bern.
Leider kann Charlie (keine/they), Jahrgang 2003, nicht am Podium teilnehmen. Im einem «Milchbuechli» beschreibt Charlie das Leben als Hochseilakt, von links und rechts und vorne und hinten werde am Seil gerüttelt und die Frage sei nicht, wie viele Menschen Charlie aus dem Gleichgewicht bringen wollten, sondern wie standhaft Charlie sei.
Andreas, Jahrgang 1956, feiert bald den 70. Geburtstag und berichtet von den 80er-Jahren, den Gesprächsgruppen zur Selbsthilfe, fehlenden Vorbildern und dass Schwulsein nur im Zusammenhang mit Verbrechen in der Gesellschaft thematisiert wurde, wenn es Morde gab oder ein Kind verschwand, weil Pädophilie und Schwulsein gleichgesetzt waren. Res setzte sich z.B. als Präsident für den Ursus Club (mit mehr als 1000 Mitglieder). In der Chronik «50 Jahre bewegt» wird vieles davon thematisiert, auch «Die Sache mit den Frauen - es ist schwierig».
Diskussionen gab es auch früher, «Kommerzschwestern» im Ursus Club und «Politschwestern» bei den HAB. Als Res aktiv wurde, gab es einen Generationenwechsel, die Politschwestern gingen nicht mehr inkognito in den Club. Die Aids-Krise der 80er-Jahre, die leeren Stühle bei den Mitgliederversammlungen, die Rosen und die Trauermusik ... die Erkenntnis, dass Grenzen überwunden werden müssen, dass Zusammenarbeit wichtig ist, dass die Schwulenkartei der Berner Polizei endlich verschwinden müsse, setzte sich durch.
Yorick (keine Pronomen) ist 18 Jahre alt, engagiert sich freiwillig beim Regenbogentreff für queere Kinder und Jugendliche, wo Daniel einmal zu Besuch war. Die Kinder finden dort einen Safe Space und Gemeinschaft – einmal im Monat können sie einfach Kind sein, zusammen mit anderen queeren Kindern.
Yorick erzählt von der Erkenntnis, anders zu sein als andere, davon entweder die eigene Definition von Mann ändern zu müssen oder die Definition des eigenen Geschlechts, von der Befreiung an einer Sitzung zu sagen «Yorick, keine Pronomen» und non-binär und queer zu sein – manchmal mit Nagellack und manchmal ohne, unabhängig von gesellschaftlichen Erwartungen in Freiheit zu leben, Menschen zu lieben und begehren.
Die älteste Person auf dem Podium ist 60 Jahre älter als Yorick. «Schön, gibt es queere Personen, die älter sind als wir. Es ist eine Generationenfrage, für uns Junge ist vieles normal, die Gräben, von denen viele reden, sehe ich nicht. Die Freiheiten, die wir haben, sind von euch erkämpft worden und ich bin dankbar für den Einsatz und den Kampf, den ihr geführt habt.»
Yoricks Grossmutter weiss von der Nonbinarität und findet es schwierig, nicht mehr «dr Yorick» zu sagen, das Umdenken und die Umsetzung ist das Problem, nicht die Identität.
Yorick unterstützt Theres (sie, mensch), Jahrgang 1947 mit dem Mikrofon, was Theres verdankt und betont, gerne von den Jungen zu lernen. Aufgewachsen in einer liberalen Familie, wurde am Familientisch mit Respekt über Schwule und Lesben geredet. Theres war nicht bewusst, wie die Gesellschaft tickt und verlor nach dem Outing als Lesbe die Stelle – in der Familie war es kein Problem. Theres erzählt von einem Spaziergang Mitte 70er-Jahre, Hand in Hand mit der Freundin, als ein Paar mit Baby und Kleinkind Steine auf sie warf. «Was für ein gutes Vorbild für ihre Kinder», rief Theres. Während der Ausbildung in Krankenpflege (ausschliesslich Schülerinnen) war das ganze Curriculum in männlicher Sprache verfasst und dank dem Einsatz von Theres für gendergerechte Sprache wurden es zuerst Schülerinnen und später SchülerInnen. Im Anatomiebuch in der Bibliothek stand, dass Männer das grössere Gehirn als Frauen hätten und intelligenter sind als jede Frau – das Buch wurde von Theres eliminiert.
Theres spricht über den Wunsch nach einer fluideren Gesellschaft, der wohl auch etwas blauäugig ist. Dahinter steckt der Wunsch nach Offenheit, Toleranz - nicht immer am Alten festhalten, Neues lernen, Beweglichkeit behalten oder mindestens feststellen, wenn sie fehlt. Der Kampf gegen Stereotype – es gibt auch fürsorgliche Männer und weibliche Führungskräfte. Eine Freundin erzählte Theres, dass deren lesbische Enkelin bei der Konfirmation als einzige keinen Rock trug, sondern kurze Hosen und ein T-Shirt, was Theres mutig fand und auch äusserte. Gleichzeitig braucht es Kategorien, gerade in der Medizin, viele Herzinfarkte bei Frauen wurden übersehen, weil die Symptome anders sind als bei Männern, seltene und vor allem frauenspezifische Krankheiten werden selten erforscht und auch Lohndiskriminierung bleibt ein Thema.
Yorick weist auf den Unterschied von sex (biologisches Geschlecht) und gender (gefühltes Geschlecht) im Englischen hin und die Tatsache, wie queer Biologie ist, dass es viel mehr als XX und XY gibt aber das Narrativ, dass queere Menschen «im Kopf nicht richtig sind» halt einfach bequem ist.
Res betont, dass Res kein Pronomen geschrieben hat, weil es zu kompliziert sei. Das Gefühl sei verständlich, aber wer erlebt habe, wie die Polizei die Gründergeneration des Ursus Clubs kontrolliert habe, Name und Passnummer aufgeschrieben, ausser wer die Treppe zur Matte und den Hintereingang nahm, um anonym zu bleiben – wie gesagt, es sei zu kompliziert. In den 70er Jahren war Toleranz wichtig, später kam der Kampf um Akzeptanz dazu.
Für Yorick zeigt der produktive Gebrauch von Pronomen Akzeptanz – wenn eine Person in der Signatur Pronomen hat, wagt es Yorick eher im nächsten Mail zu sagen, dass Yorick keine Pronomen hat. Im Zusammenhang mit dem CSD und den Kontakten zur Polizei ist aufgefallen, dass Herr B. seit neuem Pronomen in der Signatur hat (wohl nach einer Schulung) und nach Anlaufschwierigkeiten jetzt damit umgehen kann, dass Yorick keine hat.
Daniel betont (trotz Neutralität als Geprächsleiter) dass er es lerne, zwar ab und zu noch reinfalle, aber dass wir uns solidarisieren sollten. Yorick stellt fest, dass Verständnis von beiden Seiten wichtig sei, vom eigenen Erleben zu erzählen, und dass Kämpfe innerhalb der queeren Community nichts bringen, dass Angriffe nur zu verhärteten Fronten führten.
Res fragt nach der heutigen Arbeitswelt und eine Person aus dem Publikum betont, dass Pronomen nur ein Teil des Problems sind, dass auf der Stellensuche Zeugnisse mit dem Deadname (Name vor der Transition) oder ein weiblich gelesenes Gesicht zum männlichen Namen zu Schwierigkeiten führen können. Häufig steht mittlerweile zwar in Inseraten m/w/d aber in der Praxis nütze es wenig, queere und non-binäre Personen sind viel häufiger von Arbeitslosigkeit betroffen. Eine Stelle sei als Leiterin ausgeschrieben gewesen, Männer hätten sich beworben und sie bekommen, was stossend sei. Auch Spitäler und andere Institutionen seien binär und wenn kein Einzelzimmer frei sei, werde es problematisch. Positiv sei, dass Name und Geschlechtseintrag einfacher geändert werden können.
Daniel stellt die Frage, ob wir eine queere Community gebe oder viele Bubbles, die wir ungern verlassen.
Theres votiert für eine queere Community, auch Res, weil das Aufteilen nichts bringe, weil alle für Rechte, Toleranz und Akzeptanz einstehen müssten. Yorick betont, dass Stonewall historisch gesehen nicht einfach «gay pride» war, sondern ein Aufstand, angeführt von trans Personen, farbigen Personen. Gerade die Situation in den USA zeige, wie schnell Rechte verloren gehen und wie gefährlich die Idee von LGB without the T (also nur Lesben, Schwule und Bisexuelle) sei. Daniel weist darauf hin, dass Stonewall während der Amtszeit von Barack Obama 2016 zum «National Monument» gemacht wurde, die Webseite aber jetzt viele leere Links aufweise, weil Trump vieles hat löschen lassen (Anmerkung von Änn Vincent: auch historische Bilder im Zusammenhang mit der ersten Atombombe waren zeitweilig weg – das Flugzeug hiess nach der Mutter des Piloten Enola Gay.)
Nach Öffnung des Podiums ging es um Pronomen – jemand betonte, 60 Jahre als Frau gelebt zu haben (und als Mädchen stolz darauf gewesen zu sein, als Junge gelesen zu werden) und es nicht durch das Nennen von «sie» betonen zu wollen, den Pronomenzwang nicht zu befolgen und Stereotypen (Frauen haben lange Haare und tragen Röcke) in der Praxis aufzulösen.
Jemand betont, dass als Person, die mit Korrespondenz zu tun habe, Pronomen sehr hilfreich seien – und wenn es keine habe, werde einfach der Vorname (wir sind ja per du) verwendet.
«Was bringen Pronomen, wenn ich als trans Mann ausgeschlossen werde aus querfeministischen Räumen? Seit 2002 ist der Theorieblock da, damals war ich 22. Ich bin dragking, ich bin butch – aber niemand redet mit mir, ich werde gedisst, nur weil ich nicht so aussehe, wie 'queere Personen' auszusehen haben. Wo ist die Neugier? Wir reden davon, dass 'alle' zusammen sind, aber wir leben es nicht und es macht mich mega traurig. Auch in der Psychiatrie ist es schwierig, offen queer zu sein und wenn ich an Altersheime denke - was nützt queersensible Pflege mit einem Button für Pflegende, wenn das hetero Paar mich disst?».
Änn Vincent berichtet von der Erfahrung Ende Oktober auf dem Notfall der Insel (nach einer verunglückten Eiseninfusion) – auf dem Armband steht Passname, Geburtsdatum und W, wie für die Abrechnung mit der Krankenkasse nötig – es steht aber auch Änn Vincent und M, weil ich in der Insel in der Transgender Klinik in Behandlung bin (das System kennt nur M und W, Leerlassen geht auch nicht) und sie mein Testosteron verschreiben. Medizinisch sind nicht nur Chromosomen wichtig, sondern auch Hormone und ich bin dankbar, dass es innerhalb des starren Systems Menschen gibt, die es zu «zurechtbiegen», dass ich leben kann.
Max fragt die Jungen, wie einfach es für sie war mit dem Coming-out. Ihm war es vor 50 Jahren wichtig, dass keine junge Person Angst haben muss, zu sich zu stehen.
Yorick erzählt davon, dass das Umfeld zentral ist, Bern und eine «liberale Familie» ein guter Start. Trotzdem war es emotional, es bleibt ein Schritt, es gibt Hürden und mit der Zeit eine gewisse Routine. Trotzdem gibt es Momente, wie z.B. den Verkehrskundeunterricht kürzlich, bei dem schon mein Äusseres für die «Männer» Herausforderung genug war und als ich meine Leherpersonen per Mail darüber informierte, dass ich keine Pronomen brauche, war es ein Kampf von 30 Minuten und Tränen um auf Senden zu klicken.
Andere Voten gehen darauf ein, dass es auf dem Land und im Umfeld von Freikirchen noch heute ganz anders ist und dass es viele Länder gibt, in denen Homosexualität mit dem Tod bestraft wird. Als die Fussball Weltmeisterschaft in Qatar war, hat niemand sie boykottiert (Anmerkung von Änn Vincent: Im Rahmen der Fussball WM 2026 soll ein Pride Match stattfinden in Seattle – bei der Auslosung traf es mit Ägypten und Iran zwei Länder, die dagegen protestieren.
Zum Abschluss weist Max noch auf den Aktionsplan gegen Hate Crimes hin, den der Bundesrat heute veröffentlicht hat.
Änn Vincent Dällenbach (they/them)

