Podiumsveranstaltung «Geschlechtsspezifische Gewalt – Männlichkeit – Religion»

Im Anschluss an die Jahresversammlung der Zeitschrift «Neue Wege» fand am 30. Mai in der Friedenskirche Bern eine Diskussion mit vier Gästen statt:
- Ahmed Ajil (Kriminologe und Radikalisierungsexperte / männer.ch)
- Geneva Moser (Geschlechterforscherin und Philosophin),
- Julia Meier (Juristin / Brava)
- Sinja Dietiker (Feministisches Streikkollektiv Bern)
Der Anlass wurde gemeinsam organisiert von «Neue Wege – Zeitschrift für Religion, Sozialismus, Kritik», mit Unterstützung von männer.ch sowie der Fachgruppe «Männerarbeit im kirchlichen Kontext» und moderiert von Anne-Christine Halter und Omar Ibrahim.
Musikalisch begleitet wurde die Veranstaltung vom Feministischen Streikchor Bern, der die Veranstaltung mit dem gesungenen Aufruf «A la huelga» («Zum Streik!») eröffnete.
- Wie hängen Männlichkeitsbilder und geschlechtsspezifische Gewalt zusammen?
- Was hat Religion damit zu tun?
- Wie prägt antimuslimischer Rassismus die Debatte?
- Welche Formen von Widerstand können wir leisten?
Das Thema «Geschlecht» hat mit uns allen zu tun und zum Einstieg tauschen wir uns in Gruppen zur Frage «Welche Rolle spielt Geschlecht in euerer eigenen Biographie?» aus.
In der erste Runde moderiert Anne-Christine ein Gespräch zwischen Julia und Sinja zum Thema Strukturen.
Julia setzt sich bei der NGO Brava (früher: Terre des Femmes) gegen Gewalt gegen Frauen ein, leitstet als Lobbyistin politische Arbeit und will Strukturen verändern, besonders was geschlechtsbezogene Gewalt angeht. Als Frau in einem patriarchalem System erlebt sie auch persönlich immer wieder geschlechtsbezogene Gewalt.
Sinja ist aktiv im Streikkollektiv, lebt als weibliche Person in einem patriarchalen System und will aktivistisch und politisch die Öffentlichkeit fürs Thema sensibilisieren.
Wie hängen Männlichkeitsbilder und geschlechterspezifische Gewalt zusammen?
Wenn Femizide (eine Frau wird umgebracht, weil sie eine Frau ist) in den Medien thematisiert werden, fallen immer noch häufig Worte wie «Schicksalsschlag, Einzelfall, Tragödie». Aber das System, dessen Pyramidenspitze der Femizid ist, das System Patriarchat, diese Gewalt hängt damit zusammen, wie wir auf der Welt und in der Schweiz Frauen und Männer verstehen. Dumme Sprüche, Catcalling (sexuelle Belästigung im öffentlichen Raum, häufig als «Kompliment» getarnt), Unwohlsein im öffentlichen Raum – darauf können diejenigen aufbauen, die Frauen schlagen und im Extremfall töten. Wir müssen daran arbeiten, dass die Basis wegfällt, es muss Geschlechtergerechtigkeit geben. Gleichstellung verhindert Gewalt. Es ist ein strukturelles Problem. Es fängt bei Runden mit «Witzen» und sexistischen Sprüchen an – wenn niemand etwas sagt, kommt vielleicht der nächste Schritt, weil es scheinbar ok ist, so zu denken und zu reden.
Für Brava ist in der Politik die Instanbul Konvention Fahrplan und Grundlage. Sie wurde vom Europarat 2011 in Istanbul verabschiedet und richtet sich sinnvoll und umfassend gegen (häusliche) Gewalt. Es gibt vier Säulen: Prävention ist die erste Säule, also Gewalt verhindern durch Bildung, Schulen und Medien, gesellschaftliche Veränderung. Protection (Schutz) von Betroffenen, Frauenhäuser, Anlauf- und Beratungsstellen. Prosecution (Strafverfolgung), also ein Justizsystem, das Tatpersonen zur Verantwortung zieht. Vor zwei Jahren wurden die Daten analysiert – vier Täter werden verurteilt bei 100 Vergewaltigungen und als vierte Säule Policies (Politik/Strukturen), die intersektionale Perspektive, NGOs einbinden, ein breites Wissen ist da, das in den politischen Prozess einfliessen muss, damit sinnvolle Entscheide getroffen werden.
Es geht bei geschlechtsspezifischer Gewalt nicht «nur» um Gewalt an Frauen, viele queere Personen sind davon betroffen, auch sie kämpfen mit Ideen von Männlichkeit.
Im Rahmen der Budgetdebatte im Bundesparlament wurde eine Million gestrichen, die für die Femizid-Prävention, Schutzangebote und die Umsetzung der Istanbul-Konvention vorgesehen war. Es kam zu Protesten auf dem Bundesplatz, Kritik von feministischen Gruppen und öffentlicher Empörung – und die Räte habe es überdacht.
Wir alle sind geprägt davon, wie wir aufgewachsen sind. Wer trägt das Plakat, auf dem «Männerproblem» steht, wo ist der Platz der Männer am 14. Juni – dürfen sie mitlaufen, wenn ja vorne oder hinten? Sollten sie nicht viel mehr Care Aufgaben oder Schichten von Frauen übernehmen, und Frauen und Queere übernehmen den Rest? Sinja betont, dass im Kollektiv die Meinungen auseinandergehen, es viel Ungelöstes gibt. Aktivistische Kollektive von Männern können und sollen mit feministischen Kollektiven Bündnisarbeit machen, Reflexionsprozesse können in Kollektiven stattfinden, nicht nur gegen die Öffentlichkeit.
Was für Widerstände erlebt Julia, wo wäre mehr Verständnis wünschenswert? Der Druck von der Strasse ist essentiell, ohne geht es nicht. Auch Unterstützung mit Wissen und Informationen. Und auch das Budget ist extrem wichtig. Beschlüsse allein reichen nicht, die bleiben leere Worte. Häufig ist es so, dass der Topf gleich bleibt, aber Organisationen für Tatpersonen wollen Zugang dazu. Ja, sie leisten wichtige Arbeit gegen die TikTok Dudes (die sogenannte Manosphere, ein lockeres Online-Netzwerk, deren Grundidee ist, dass Männer in der modernen Kultur benachteiligt seien) und im Bereich der Prävention. Trotzdem braucht es grössere Töpfe, denn sonst wird auf dem Rücken von Betroffenen gespart.
Woraus zieht ihr Hoffnung? Julia stellt fest, dass wir kommen weiter kommen, sie denkt an die Revision des Sexualstrafrechts, dass es keinen Zwang mehr braucht für Vergewaltigung sondern fehlende Zustimmung. Es gibt Verbesserungen im Ausländer- und Integrationsgesetz, einfachere Trennung für Personen, deren Aufenthaltsrecht am «Täter» hängt. Der grösste Moment war eindeutig die bereits erwähnte Budgetdebatte, die normalerweise langweilig und komplex ist.
Für Sinja ist es die Präsenz von FLINTA (Frauen, Lesben, intergeschlechtliche Personen, nicht-binäre Personen, trans Personen und agender Personen – also alle, die strukturell von patriarchalen Machtverhältnissen betroffen sind) die dazu führt, dass sich am 14. Juni sich die Stadt anders anfühlt. Ihr gibt Aktivismus Hoffnung, weil er diese Momente schafft.
Welche Formen von Widerstand können wir leisten, was wurde noch nicht angesprochen? Es beginnt im Kleinen, gerade für Männer. Wir erinnern uns an Trump und das Olympia-Telefon. (Nach dem Sieg der Männer im Eishockey ruft er sie in der Garderobe an, gratuliert ihnen zum Gold und stellt fest, dass er auch die Frauen – die ebenfalls Gold gewonnen haben – einladen müsse, um nicht des Amtes enthoben zu werden – und alle lachen). Ja, es braucht Mut, etwas zu sagen, aber das brauchen wir, gerade von Männern und männlich gelesenen Personen, die sich trauen im Freundeskreis Gespräche zu führen und auch in der digitalen Welt nicht alles stehen zu lassen.
Ein anderes Thema ist Sprache, sie ist niederschwellig, kann aber Menschen im Alltag irritieren, sie kann und muss sich ändern.
Nach einem weiteren Lied des Chors (diesmal französisch) gibt es eine kurze Pause, wichtig bei der Temperatur und einen sehr gut gefüllten Saal.
Der Chor eröffnet den zweiten Teil mit einem weiteren spanischen Lied.
Jetzt moderiert Omar ein Gespräch von Geneva und Ahmed. Zu Beginn betont er, dass die Themen aufs Engste zusammenhängen und vor allem aus praktischen Gründen separiert wurden.
Geneva stellt fest, dass in allen ihren Lebensfeldern die Verknüpfung von Religion und Männlichkeit eine Rolle spielt, sei es in der Geschlechterforschung und Philosophie, als Theologin in Ausbildung, als Frau mit einer mit Frau zusammen, Fama (feministisch-theologische Zeitschrift) und als Redaktionsleiterin der «Neuen Wege». Wie wohl alle FLINTA hier im Raum ist sie auch Betroffene von geschlechtsspezifische Gewalt.
Ahmed Ajil trägt viele Hüte: Religionswissenschaft, Forschung in Luzern, Kriminologie, Gewalt, Prävention, Radikalisierungsprozesse. Warum verlassen Menschen die Schweiz um sich Terrorgruppen anzuschliessen? Was haben sie erlebt, welche Leerstellen hat ihre männliche Sozialisierung hinterlassen?
Die Manosphere ist ein Sammelbegriff für Influencer, Blogger und ähnliches. Sie leben eine harte, kalte Männlichkeit, geprägt von Status, Geld, Erfolg bei Frauen. Es gibt viel Anknüpfungen und Risikoprofile. Incels (unfreiwillig zölibatär lebende Männer) sind am gefährlichsten, weil sie glauben, der ihnen zustehende Körper der Frau wurde ihnen verwehrt und somit holen sie ihn mit Gewalt zurück.
Sie sind konservativ, wollen etwas bewahren, sie empfinden es als Verlust und Gewalt als mögliche Reaktion. Aber faktisch ist es ist ja eigentlich erst 300 Jahre alt, das Ideal des «industriellen Self Made Man» – warum knüpft es bei «alten» Religionen an?
Traditionalismen und konservative Strömungen «übersehen» , dass das urchristliche geschlechtergerecht ist, Machtverhältnisse verändert, eine Widerstandsbewegung. Das «Urchristentum» ist komplex und wird jetzt für Machterhaltung instrumentalisiert.
Es ist ein System von Hierarchien, Kultur steht über Natur, Mann über Frau, Gott über Mensch. Die Binarität ist theoretisch allumfassend, es kommt zu strukturelle Gewalt, queere Personen sind von den Sakramenten ausgeschlossen und Machtinteressen verteidigt.
Solidarisierung statt Austritt? Geneva versteht alle, die austreten. Die Verfassung der Schweiz und die Gesetze sind patriarchal ... «Ich kann nicht austreten, und da sein, sichtbar sein, sich organisieren ist schon Widerstand». Die Initiative «Out in Church» (für eine Kirche ohne Angst) in Deutschland hat das kirchliche Arbeitsrecht verändert, die Loyalitätsklausel wurde abgeschafft und das gibt Hoffnung!
Ahmed, was für Identitätsvorstellungen und religiöse Männlichkeitsbilder triffst du, in der Forschung oder bei männer.ch? Es ist empirische Forschung, ich treffe Menschen. Das klassische Triple ist «Protector, Provider, Proprietor», also Beschützer, Versorger, Besitzer.
«Im Krieg in Syrien werden Frauen und Kinder niedergemetzelt, ich muss als Held diese Leute verteidigen, der Westen schaut einfach zu» ist eine Rechtfertigung dafür, die Schweiz zu verlassen und sich Terrorgruppen anzuschliessen.
Auch in der Forschung treffe ich toxische Männlichkeit. Ich selbst wurde muslimisch-migrantisch sozialisiert und habe eine radikale Rekonstruktion hinter mir. Die Menschen jedoch sehen mich anders, vor allem die Schweiz nach 9/11 und dem «Krieg gegen den Terror». ... Im Zusammenhang mit der Messerattacke von Winterthur (vom 28. Mai 2026, der Verdächtige war in der Winterthurer Islamistenszene aktiv, also das Forschungsgebiet von Ahmed) werde ich delegitimiert, wir erfahren Ausgrenzung, weil wir nicht die Position des weissen Mannes einnehmen. Trotzdem profitieren wir als Männer.
Der weisse Feminismus hat sich durchgesetzt gegen das Patriarchat, aber er hat Leerstellen. Nehmen wir als Beispiel die Kopftuchdebatte. Ohne die Lebensrealität der Frauen zu kennen, gehen sie davon aus, dass sie gezwungen ist, ein Kopftuch zu tragen. Aber das Prinzip, den Frauenkörper nicht zu kontrollieren, muss respektiert werden. Es geht um Solidarität und darum, die Intersektionalität (das Zusammenwirken und die Überschneidung verschiedener Diskriminierungsformen) zu berücksichtigen. Wenn weisse christliche Männer Frauenkörper beschützen müssen, wenn es um Verhütung und Abtreibung geht, dann greifen Strömungen wie Nationalismus, Rassismus und antimuslimische Ideen ineinander.
Geneva, welche Bilder im theologischen Raum geben Hoffnung? Die Schöpfung als Spektrum sehen, männlich bis weiblich, Tag bis Nacht, nass bis trocken – die Vielfalt, das Anders sein. Jesus als theologische Figur ist kein triumphalistisches Ideal, sondern ein gefolterter Mensch. Auch die Auferstehung ist leise, ein Beziehungsgeschehen. Für mich sind das Anknüpfungspunkte, oder Joseph als trans, das Prinzessinnenkleid.
Es gibt auch feministische Koranauslegung, die Botschaft war radikal, alles ist eins, es gibt keine Hierarchie. Sie werden ausgeschlossen, weil der Islam patriarchal geprägt ist.
Ahmed, welche Formen von Aktivismus wird bei männer.ch betrieben, wofür engagierst du dich? Es gibt ein Manko bei Menschen, die radikalisiert wurden, strafrechtlich in Erscheinung getreten sind. Es gibt ein Beratungstelefon auch für Eltern, die besorgt sind, wir bieten Gehör und Beratung und suchen Wege, wie vorzugehen. Männer sterben früher, sind häufiger krank, sterben einsam - Männlichkeit tötet auch Männer.
Was gibt euch Hoffnung auf die Themen des heutigen Tages?
Es ist gleichzeitig ermüdend und motivierend, denn die Themen wiederholen sich und bewegen sich ein wenig. Wir müssen die Frustration akzeptieren und miteinander dran bleiben. Es ergeben sich Beziehungen, wir führen Gespräche, wir hören voneinander und teilen Raum.
Die Idee von «tauhid», alles ist eins, Gott ist eins, wir sind aus der gleichen Materie. Wir kommen vom gleichen und gehen zum gleichen hin. Wir müssen Grenzen ziehen, wenn Hierarchien generiert und reproduziert werden.
Im Anschluss an diese Gesprächsrunde hatten wir ein paar Sekunden Zeit für uns um zu überlegen, was wir mitnehmen und in die Praxis umsetzen wollen.
Änn Vincent Dällenbach (they/them)
→ Die aktuelle Ausgabe von «Neue Wege» (Mai/Juni 2026) zum Thema «Autoritäre Männlichkeit» kann für 12 Franken per Mail bestellt werden.

