Gedanken zum 1. August und Flaggen

Mensch sieht sie hier in Bern regelmässig an Geländern von Balkonen hängen: Die Regenbogenflagge als queeres und stolzes Statement. Und am 1. August spüren nicht nur Schweizer*innen den Drang, ihre Balkone mit dem weissen Kreuz auf rotem Grund zu schmücken. Dabei ist klar: Flaggen sind kraftvolle Symbole, die Identität, Geschichte und Zugehörigkeit repräsentieren und durch ihre Farben und Designs spezifische Bedeutungen vermitteln. Und Änn Vincent Dällenbach macht sich da so einige Gedanken.
Am 1. August sieht man in der Schweiz oft nicht nur die Schweizer Flagge, sondern auch Kantons- und Gemeindeflaggen. Bei uns zu Hause als Kind war das selbstverständlich: Schweiz, Kanton Bern, Stadt Thun, der Nachbarkanton Wallis – und sogar Kanada, weil der Bruder meiner Mutter dort lebte. Flaggen erzählen Geschichten von Zugehörigkeit, Erinnerungen und Beziehungen.
Man könnte natürlich anfangen, für jede Flagge eine «Reinheitsprüfung» zu verlangen. Aber wohin würde das führen?
Wenn Veganer*innen sagen würden: «Kantonsflaggen mit Tieren gehen nicht», müssten einige Kantonswappen plötzlich problematisch werden: Bern mit seinem Bären, Uri mit dem Stierkopf, Graubünden mit dem Steinbock, Appenzell Innerrhoden mit dem Bären, und weitere historische Symbole mit Tieren.
Wenn Bürgerliche sagen würden: «Kein Sozialistenrot auf Flaggen!», müssten ebenfalls viele traditionelle Symbole verschwinden: Bern mit seinen roten Elementen, Basel-Stadt mit Rot-Weiss, Solothurn mit Rot-Weiss, Wallis mit Rot-Weiss, und viele weitere Wappen, in denen Rot seit Jahrhunderten vorkommt – lange bevor moderne Parteifarben entstanden.
Wenn Schwarz-Weiss-Kombinationen unerwünscht wären, müsste man ebenfalls viele historische Symbole hinterfragen. Und wenn religiöse Symbole verboten würden, müsste man konsequent sein: Das Schweizer Kreuz ist ein Kreuz. Glarus trägt den heiligen Fridolin, einen Mönch, im Wappen. Viele weitere Gemeinden und Regionen führen Kreuze, Heilige oder andere religiöse Bezüge.
Je nachdem, welche Gruppe eine bestimmte Eigenschaft zum Ausschlusskriterium erklärt, müsste man sehr viele vertraute Symbole entfernen.
Auch innerhalb eines einzigen Symbols gibt es verschiedene Darstellungen. Der Berner Bär ist ein schönes Beispiel. Die alte Berner Flagge meiner Mutter hatte keinen sichtbaren «Schnäbi»-Bären (keine Ahnung, wo sie den herhatte). Alle Berner Bären, die ich heute kaufen kann, zeigen dieses Detail jedoch. Auch die Berner Bärendarstellung von New Bern in den USA kommt ohne dieses Detail aus. Da ich seit Jahren gerne eine Ursula und einen Ursus hätte, werde ich wohl tatsächlich kreativ werden: eine normale Version mit dem Edding einer kleinen «geschlechtsangleichenden Operation» unterziehen – das rote Detail schwarz übermalen und eine Variante der Berner Flagge wiederherstellen, die ich aus meiner Kindheit kenne.
Auch die Thuner Flagge zeigt, wie Symbole sich verändern können. Der Stern war ursprünglich schwarz und wurde nach der Wappenbesserung von 1476 golden, was sich 2026 zum 550. Mal jährt und im Schloss Thun mit einer eigenen Ausstellung gewürdigt wird. Dabei entstand eine spannende heraldische Besonderheit: Die klassische Heraldik sagt eigentlich, dass Gold und Silber sich nicht direkt berühren sollen. Trotzdem hat sich diese Darstellung historisch durchgesetzt. Es bleibt die Thuner Flagge.
Genau darin liegt der Punkt: Symbole leben davon, dass Menschen eine Beziehung zu ihnen haben. Sie werden unterschiedlich dargestellt, verändern sich über die Zeit und bekommen neue Bedeutungen. Das macht sie nicht weniger echt.
Auch die Pride-Flaggen zeigen das schön. Die klassische Regenbogenflagge wurde erweitert, unter anderem durch die Progress Pride Flag mit dem Chevron für Trans-Menschen und People of Color und in der neuesten Version mit dem Symbol für intergeschlechtliche Personen.
Bern zeigt diese Vielfalt seit den EuroGames 2023 sichtbar im öffentlichen Raum, an der Pride, am IDAHOBIT oder zu anderen Anlässen. Dazu gehören unter anderem: die klassische Regenbogenflagge, die Progress Pride Flag, die lesbische Flagge, die schwule Flagge, die bisexuelle Flagge, die trans Flagge, die Inter*-Flagge, die asexuelle Flagge, die Ally-Flagge, die nicht-binäre Flagge, und weitere Flaggen der vielfältigen LGBTIQ+-Community.
Diese Vielfalt ersetzt die ursprüngliche Regenbogenflagge nicht. Sie zeigt vielmehr, dass mehr Menschen sichtbar dazugehören.
Eine Gesellschaft, die bei Symbolen nur noch nach Ausschlusskriterien sucht, müsste am Ende sehr viele ihrer eigenen Zeichen entfernen. Vielleicht ist es einfacher und menschlicher, anzuerkennen: Symbole gehören uns gemeinsam – auch wenn nicht jede Person jede einzelne Flagge auf dem eigenen Balkon hissen würde.
Änn Vincent Dällenbach

