Backlash und LGBTIQA+ Rechte

Webinar mit Prof. Tabea Hässler vom Swiss LGBTIQ+ Panel
vom 1. September 2026
Tabea Hässler lieferte spannende Fakten zur Situation der LGBTIQA+ Community in der Schweiz und anderen Ländern. Vieles war mir bekannt, aber in dieser konzentrierten Form, habe ich die Fakten über die Medien nicht erfahren.
Was mich aufhorchen liess und mir die Gefahren eines Backlash für die LGBTIQA+ Community klar machte: Mein bisheriges Vertrauen als Lesbe in unsere Gesellschaft fing an zu bröckeln. Ich fühlte Angst und machte mir Sorgen, was da auf uns zukommen könnte. Die präsentierten Umfrageergebnisse zeigen, dass ich damit nicht allein bin, 65 Prozent der Befragten beim LGBTIQ+ Panel machen sich Sorgen um die Zukunft.
Umso mehr wurde mir bewusst, wie wichtig Solidarität innerhalb unserer Community ist. Ich erschrecke jedes Mal, wenn Trans und Genderqueere von Lesben und Schwulen angefeindet werden. Bisher verstummte ich häufig oder äusserte meinen Standpunkt.
Tabea Hässler zeigte auf, dass sich die Situation und die Rechte vor allem in westlichen Ländern laufend verbessert haben. Doch aktuell stellt sie fest, dass wir weltweit einen koordinierten Angriff auf LGBTIQA+ Personen und deren Rechte erleben. Rechtsextreme und fundamentalistische christliche Kreise spenden dafür zig Millionen, um Anti-LGBTIQA+ Gesetze zu verabschieden.
Mir fällt dazu ein: Wir sollten solche Unternehmen konsequent boykottieren (z.B. Läderach Schokolade).
In den USA werden queere Organisationen und Netzwerke geschwächt, Anti-LGBTIQA+ Lehrplangesetze verbieten in Schulen über sexuelle Orientierung oder Gender zu sprechen. In Forschungsgesuchen dürfen gewisse Wörter nicht mehr vorkommen z.B. non-binär, LGBTQ, Gender, Frau, aber auch behindert, inklusiv usw. Das führt dazu, dass die Vielfalt in der Gesellschaft nicht mehr benannt und sozusagen ausgelöscht wird.
In Australien greifen rechte Akteur*innen die LGBTIQA+ Community an und die Rechte von trans Personen werden beschnitten. In Neuseeland ist eine Zunahme von «Hate Speech» zu beobachten und die Verschreibung von Pubertätsblockern wird eingeschränkt. In Uganda steht auf «schwere» Homosexualität die Todesstrafe, in Burkina Faso gibt es fünf Jahre Haft und auch in Ghana liegt ein Gesetzesentwurf vor, der drei Jahre Haft für Homosexuelle vorsieht. Die rechtspopulistische Regierung hat in Argentinien z.B. das Ministerium für Frauen aufgelöst und den dritten Geschlechtseintrag gestrichen.
Wenn ich mir all diese negativen Beispiele vor Augen führe, spüre ich eine grosse Trauer. Gleichzeitig sind andernorts Verbesserungen auszumachen: In Thailand gibt es eine «Ehe für alle» und in Nepal ist der Eintrag für ein drittes Geschlecht möglich.
In der Schweiz hat sich die rechtliche Situation deutlich verbessert. Die «Ehe für alle», die Adoption und der Zugang zur Fortpflanzungsmedizin auch für gleichgeschlechtliche Paare, der Schutz vor Diskriminierung aufgrund der sexuellen Orientierung und die Erleichterung der Änderung der Geschlechtseinträge sind über die letzten Jahrzehnte erkämpft worden. Gemäss einer Umfrage des gfs, Zürich von diesem Jahr spricht sich die grosse Mehrheit (83 Prozent) der Schweizer Bevölkerung für die Gleichstellung und den Schutz von LGBTIQA+ Personen aus. Deshalb bin ich dankbar, dass ich als Lesbe in der Schweiz leben darf und mich nicht ständig vor Diskriminierung, Hass oder Todesstrafe fürchten muss.
Gleichzeitig frage ich mich, ob meine Dankbarkeit nicht auch ein Indiz dafür ist, dass mein Sein nicht ganz berechtigt ist.
Trotz der positiven Entwicklungen lässt sich in der Schweiz der koordinierte Angriff auf LGBTIQA+ ebenfalls ausmachen. Die SVP und deren Exponent*innen sowie andere rechtsextreme Gruppen warnen etwa vor dem Genderwahn oder Genderirrsinn. Ihre Angriffe folgen einem einheitlichen Muster. Zum einen wird suggeriert, dass Kinder gefährdet sind und geschützt werden müssen. Zum anderen werden als erstes die Rechte von trans und genderqueeren Personen angegriffen. Gleichzeitig werden auch die Rechte anderer Minderheiten wie Migrantinnen sowie diejenigen der Frauen in den Fokus genommen.
Ziel ist es, die LBGTIQA+ Community und die Zivilgesellschaft zu spalten.
In diesem Zusammenhang ist interessant, dass die Nein-Kampagne bei der Abstimmung «Ehe für alle» dazu führte, dass der körperliche Stress von LGBTIQA+ Menschen anstieg. Dies zeigt wie verletzlich Minderheiten sein können, genauso wie deren Familien und Freund*innen.
Tabea Hässler präsentierte auch Möglichkeiten, wie wir mit dieser Situation umgehen können. Sie rief zu einem toleranten Miteinander mit allen auf. Es gehe darum Brücken zu bauen, Türen zu öffnen und nicht Tore zu schliessen.
Auch wenn mir viele Inhalte bekannt waren, hat die Wiederholung derselben, mich zu neuen Reflexionen angeregt. Ich nehme mir vor, weniger zu verstummen, wenn jemand fixe Meinungen äussert. Dem Gegenüber werde ich meine Meinung respektvoll kundtun und auch meine Gefühle äussern. Und ich werde mein Gegenüber fragen, welche Gründe zu seiner Meinung führen, sowie welche Gefühle mit dieser verbunden sind.
Zum Schluss: Diese Woche freute ich mich, dass sich der Bundesrat offen zeigt für ein nationales Verbot von Konversionsmassnahmen. Das wäre ein weiterer Fortschritt für unsere Community.
Theres Sutter

