«Frücht u Gmües – s'isch kompliziert»

Dürfen wir eigentlich eine Tomate als Gemüse essen? Botanisch gesehen ist die Tomate nämlich Obst, oder noch genauer eine Beere, da sie aus einer Blüte entsteht. Ist nun ein Insalata Caprese nichts anderes als Fruchtsalat? Ist der Tomatensaft nur deshalb aus der Mode gekommen, weil dieser nichts anderes als ein Beerensaft ist? Klar ist: Auch bei Gemüsen und Früchten ist es kompliziert. Änn Vincent Dällenbach erklärt und macht sich Gedanken ...
Früchte sind süss, können direkt ab Pflanze gegessen werden und sind ideale Desserts und Zwischenverpflegungen. Gemüse ist in der Regel gekocht, je nach Ernährungsform die Basis oder eine wichtige Komponente jeder Mahlzeit und farblich weniger spannend als Früchte.
Die biologische Regel sagt: Eine Frucht entsteht aus der Blüte einer Pflanze und enthält Samen – alle anderen essbaren Pflanzenteile sind Gemüse.
Die Praxis (Kulinarik) und die Theorie (Biologie) widersprechen sich zum Teil – Tomaten sind Früchte (auf vielen Balkonen blühen Tomatenpflanzen, und die Kerne sind auch nicht zu übersehen), obwohl wir sie in der Regel «salzig» essen, im Salat, auf der Pizza oder den Spaghetti.
Als die Tomaten im 16. Jahrhundert aus Amerika nach Europa kamen, wurden sie wie Gemüse behandelt (obwohl der italienische Name wörtlich übersetzt Goldapfel ist), mit Fleisch, Salz, Öl und Kräutern kombiniert. Die biologische Definition kam viel später, aber aus Zollsicht ist sie trotzdem ein Gemüse, da sie als Kochzutat verwendet wird und nicht als «Frucht» roh gegessen wird (Urteil des Supreme Court (1893) im Fall Nix v. Hedden).
Wir Menschen können also damit umgehen, dass es verschiedene Kategorien gibt, die sich zum Teil widersprechen. Ratatouille ist botanisch gesehen «gekochter Fruchtsalat mit Knollenbeilage» – auf der Speisekarte steht «bunte Gemüsepfanne der Provence». In der Praxis, in der Küche, spielt Botanik eine untergeordnete Rolle, was zählt ist der Geschmack und auch die Tradition, die Überlieferung und Gewohnheit.
Ich glaube nicht, dass es die Tomate stört, wenn sie als Gemüse bezeichnet oder behandelt wird – aber eine trans Frau als Mann zu gendern, von ihr zu verlangen, die Männer Toilette zu benutzen, sie zu fragen, was sie zwischen den Beinen hat, ist verletzend. Warum können wir nicht davon ausgehen, dass eine Person weiss, wer sie ist, wie sie sich zeigt, welche Toilette sie benützt? Warum können wir Toiletten nicht so anschreiben, dass sichtbar wird, ob es Einzelkabinen, Pissoirs oder beides gibt? Eine der besten öffentlichen Toiletten, die ich kenne, hat beim Eingang fünf Kabinen und dahinter fünf Pissoirs. Der «weitere Weg» im Vergleich zur Normalkonfiguration gleicht sich durch die Zeitersparnis sicher aus und erspart mir als non-binärer Person peinliche Situationen.
Vielleicht braucht es auf Formularen und Dokumenten nicht immer diese beiden Kästchen, die Unterschiede statt Gemeinsamkeiten betonen. Wir sind Menschen – männliche, weibliche, intergeschlechtliche und trans*. In gewissen Kontexten sind Biologie, Chromosomen und Hormone wichtig, in anderen nicht. Im Bereich der Medizin ist sehr vieles auf den Mann als «Norm» ausgerichtet. Herzinfarkte bei Frauen werden oft übersehen, weil die Symptome anders sind als im Lehrbuch beschrieben und weil bei Frauen häufiger von «seelischen Ursachen» ausgegangen wird.
Das Timing von Verkehrsampeln ist auf Männer und ihre längeren Beine ausgerichtet. Dadurch müssen ältere Menschen, kleinere Personen oder Kinder rennen – oder riskieren, angefahren zu werden.
Die Biologie hat stark mit der Fortpflanzung zu tun. Es braucht eine Person mit Samenzelle und eine mit Eizelle, damit ein Kind entstehen kann. In den meisten anderen Kontexten (oder nach Abschluss der Familienplanung) ist es egal, ob ich eine Person mit Penis oder mit Vulva bin. Das geht niemanden etwas an, ausser die Personen, mit denen ich Sex haben will.
Ich wurde weiblich sozialisiert, habe meistens in «Männerberufen» gearbeitet und innerhalb der queeren Community fühle ich mich von der ersten Pride an bei den Schwulen am wohlsten. Häufig werde ich «automatisch» als Lesbe eingeordnet und muss dann erklären, dass ich non-binär bin. «Für mich bist du eine Frau» habe ich schon oft gehört und innerhalb der Community tut das doppelt weh. «Warum ziehst du dich nicht weiblicher an?», fragte mich eine trans Frau.
Ich wünsche mir, dass wir das Patriarchat, die HERRschaft der Männer, die Normativität von «cishet» als Problem sehen, und nicht Geschlechtsidentitäten, die es schon immer gab, die in vielen Kulturen dieser Welt dazugehören, zum Teil sogar besonders geachtet werden.
Änn Vincent Dällenbach

