Von Yogamatten, Impulskontrolle und anderen Schicksalsschlägen

Es ist Sommer! Und es ist so heiss, dass wir sogar von einer Hitzewelle sprechen. Daniel Frey, Co-Präsident von queerAltern Bern, sitzt hoch oben in den Bergen und macht sich Gedanken über Gemeinsamkeiten und Vielfalt in einer queeren und alternden Gemeinschaft – und stellt fest, dass Vielfalt sehr anstrengend sein kann.
Ich kann immer wieder der Hitze entfliehen und ins Diemtigtal auf fast 1700 Meter über Meer flüchten. Hier oben auf der Alp ist es nicht nur merklich kühler als unten im Tal, sondern auch einsamer. Die Population besteht vorwiegend aus Kühen. Noch vor nicht allzu langer Zeit war es da oben noch einsamer, da nämlich sowohl der Radio-, noch der Handyempfang mehr oder weniger gleich null war.
Die Zeiten aber ändern sich: Aus dem Radio ertönt gerade die Kantate «Herz und Mund und Tat und Leben» von Johann Sebastian Bach. Gleichzeitig checke ich auf meinem Handy die WhatsApp-Nachrichten und lese Mails. Und diese Nachrichten wollen so gar nicht zum friedlichen Kuhglockengebimmel und zum leckeren noch etwas warmen Münzentee, mit Münze, die direkt hinter der Alphütte wächst, passen – und zur kirchlichen Bach-Kantate sowieso nicht.
Ich öffne noch kurz auf dem iPad die heutige Ausgabe des «Bund» und lese: «Hitze schwächt die Impulskontrolle des Menschen». Zudem sei erwiesen: «Während Hitzephasen gibt es nicht nur mehr Todesfälle und Einweisungen in Spitäler, sondern auch in psychiatrische Kliniken».
Mein Blick wandert hinüber zum Wirihorn und zur Niesenkette. Ich lege iPad und iPhone beiseite und meine Gedanken schweifen zu meinem Lieblingsverein, zu queerAltern Bern, bzw. zu den Menschen, die diesen Verein ausmachen.
Wir verstehen queerAltern Bern als «Caring Community» – als «sorgende Gemeinschaft» von lesbischen, schwulen, trans, nicht-binären, intergeschlechtlichen und eben älteren und alten Personen und stehen ein für eine gute Lebensqualität und ein tragendes Beziehungsnetz von und für Menschen, die sich gegenseitig unterstützen und die Verantwortung für soziale Aufgaben miteinander teilen.
Doch wie in jedem «Paradiesli» – ob auf der Alp, im Marzilibad oder in einem Verein – herrschen nicht immer paradiesische Zustände. Wir sind Menschen. Wir haben Ecken und Kanten. Und wir leben jenseits der cis-heteronormativen Welt und diese Tatsache hält uns (hoffentlich) als Community zusammen.
Sichtbar an unseren Stammtischen und Veranstaltungen sie vorwiegend diejenigen Mitglieder unseres Vereins, die auch dem vorherrschenden Bild der Generation «Boomer» entsprechen: Unsere Agenden sind voll, wir sind ständig auf Achse, wenn nicht mit dem E-Bike am Thunersee, dann sicher mit Treckingstöcken auf dem Betelberg oder im Training bei «Kieser» oder «Mrs.Sporty». Besuchen Konzerte, Theater, Kino, Ausstellungen und geben uns wahnsinnig interessiert, weltgewandt und trinken dazu Prosecco. Wir sind körperbewusst, gesund und fit (wohl auch dank den Tabletten gegen hohen Blutdruck und schlechte Zuckerwerte) – und wir besitzen selbstverständlich eine Yogamatte und trinken Ayurveda Tee.
Da gibt es aber unter uns auch die älteren und alten lesbischen, schwulen, trans, nicht-binären und intergeschlechtlichen Menschen, deren Leben nicht «paradiesisch» verlief und schon vor Jahren aus dem «herrschenden System» gefallen sind – wegen Jobverlust, Krankheit oder anderen Schicksalsschlägen – vielleicht sogar im Zusammenhang mit ihren sexuellen oder geschlechtlichen Identitäten. Und diese queeren Menschen empfinden unsere «sorgende Gemeinschaft» als «Blabla», weil für sie die angedachte queer-sensible Pflege unseres Projektes «queer key» zu spät kommt, die Begleiter*innen von «Queer begleitet Queer» nicht (mehr) helfen können, da die Betreuung (und Pflege) von Profis übernommen werden muss (oder müsste) und auch queere Altersinstitutionen erst noch realisiert werden müssen. «Für mich kommt queerAltern Bern zu spät», hat mir vor ein paar Wochen ein fast 90-jähriger Schwuler gesagt und entschwand kurzangebunden mit seinem Rollator in Richtung Tramhaltestelle. «Ich muss – um halbsechs gibt es bei uns im Heim ‹Café complet›.»
Da ist aber auch der 66-Jährige, der sich in früheren Jahren stark für die schwule Community engagiert hat. Vor ein paar Jahren hat er den Job verloren, seine körperliche Gesundheit liess ihn im Stich. «Vom Wunsch nach Nähe und Liebe habe ich mich längst verabschiedet», sagte er mir vor ein paar Tagen am Telefon. «Nur etwas Anerkennung möchte ich schon noch erfahren.» Auf mich wirkt er vor allem zynisch und verbittert, wird wohl oft nicht verstanden – und immer mehr Menschen wenden sich von ihm ab.
Über der Niesenkette ziehen dunkle Wolken auf und in der Ferne ist ein Donnergrollen zu hören. Höchste Zeit mit meinen Ausschweifungen endlich auf den Punkt zu kommen: Wir müssen lernen, auch Menschen zu ertragen, die wir als sehr schwierig empfinden und uns ziemlich auf die Nerven gehen. Leben wir doch unsere Idee der «sorgenden Gemeinschaft» im Wissen, dass Vielfalt auch anstrengend sein kann. Und diesbezüglich muss auch ich mich an der Nase nehmen!
Daniel Frey

