Eine Entdeckungsreise, die überraschend zu queerer Literatur führt

«Heute habe sie am Radio von einer spannenden Schriftstellerin gehört, hast du etwas von ihr gelesen?», hatte mich meine Partnerin vor einigen Tagen gefragt. Die Texte verblüfften und überraschten, die Sprache sei besonders. Den Namen habe sie vergessen, doch gerne würde sie mehr über die Autorin erfahren. So bin ich auf Christine Wunnicke aufmerksam geworden, die für ihr Werk mit dem Georg-Büchner-Preis ausgezeichnet wird.
Als erstes habe ich mir den kurzen Radiobeitrag angehört. Der Moderator sprach von einer «ganz eigenen Poesie», von einer «herausragenden Schriftstellerin», die den Blick auf gesellschaftliche Verwerfungen frei mache und es fiel das Wort «feministisch». Meine Neugierde trieb mich weiter. Ich machte mich im Internet auf die Suche nach Buchbesprechungen und Interviews.
Dort stiess ich auf eine lange Liste von Veröffentlichungen mit kuriosen Buchtiteln – wie «Wachs», «Selig & Boggs. Die Erfindung von Hollywood», «Die Dame mit der bemalten Hand», «Nagasaki, ca. 1642», «Katie», «Der Fuchs und Dr. Shimamura», «Die Kunst der Bestimmung», «Die Nachtigall des Zaren. Das Leben des Kastraten Filippo Balatri» und «Jetlag» - ich stiess auf «abgelegene» Schauplätze und vergangene Zeiten. Und staunte, wie viele Facetten die Rezensent*innen in ihren Buchbesprechungen herausarbeiteten und wie durchwegs positiv, gar bewundernd die Besprechungen ausfielen.
Der Klappentext von «Wachs» liess mich dann aufhorchen: «Schauplatz ist Frankreich im 18. Jahrhundert, das vorrevolutionäre und das überaus revolutionäre. Und es lieben sich zwei Frauen, die verschiedener nicht sein könnten: Marie Biheron, die schon im zarten Alter Leichen seziert, um deren Innenleben aus Wachs zu modellieren; und Madeleine Basseporte, die zeichnend die Anatomie von Blumen aufs Papier zaubert, weil Menschen einen ja doch nur von der Arbeit abhalten und meist keine Ahnung haben. Männer kommen auch vor, in schönen Nebenrollen – ein nervöser Bestseller-Autor, ein junger Nichtsnutz und Diderot, der Kaffee trinkt und viel redet.»
Nun wollte ich unbedingt hören, wie die Autorin über ihr Werk und ihr Schreiben spricht. Fündig wurde ich beim Deutschlandfunk. Im Interview spricht Christine Wunnicke ohne grosses Aufheben von ihrer Auftrittsangst, davon wie endlos glücklich sie über die Person sei, die die Laudatio bei der Preisverleihung halten werde. Sie dürfe aber noch nicht sagen, wer es sein werde, fügt sie an. Und sie spricht davon, wie sie ihr Leben durch das Schreiben erweitere, wie sie zufällig auf ihre Figuren stosse und mit ihnen herumbrüte, spricht auch davon, wie sie sich für Forschende interessiere. Der Moderator fragt nach den Männerpaaren, die in früheren Romanen vorkommen und nach den beiden Frauen. Und irgendwann bringt es Christine Wunnicke so auf den Punkt: Wenn man ihre Bücher in zwei Worten zusammenfassen wolle, seien dies «Wissenschaftsgeschichte» und «queer». Das seien die zentralen Themen.
Als ich meiner Partnerin erzählte, was ich alles entdeckt hatte, meinte sie, aufgrund der Radiosendung hätte sie nie gedacht, dass Queerness Christine Wunnicke wichtig sei. Beim Wiederhören der Sendung stellte ich fest, dass der Moderator die sich liebenden Frauen unterschlagen und sich auf die Leichen sezierende Marie Biheron fokussiert hatte.
Übrigens bei der Person, die im Herbst die Laudatio halten wird, handelt es sich um Judith Schalansky, Autorin, Buchgestalterin und Herausgeberin der Reihe Naturkunde. Zugleich ist sie Mutter einer Tochter in einer Regenbogenfamilie. Ihre Bücher kann ich allen empfehlen, die sich für Aussergewöhnliches interessieren und Freude an schönen, sorgfältig gestalteten Büchern haben.
Nun warte ich gespannt, bis das bestellte Buch «Wachs» bei mir eintrifft. Die Taschenbuchausgabe ist soeben bei Diogenes erschienen.
Yvonne Brütsch

