Ein Wochenende in Bern

Zusammen mit rund 10'000 Menschen war auch Änn Vincent Dällenbach am Samstag, 25. Juli 2026 an der Pride in Bern. Änn Vincent war vor allem von der Rede von Lea Blattner angetan, die über die sogenannten «Konversionstherapien» sprach. Umso erstaunter war Änn Vincent dann am Sonntag darauf, als vor der queeren multireligiösen Feier in der Kirche St. Peter & Paul wie «zufällig» das 2008 von der «Familienlobby Schweiz» (heute «Bürgerforum Schweiz») herausgebrachte Büchlein «Befreiung aus dem Homo-Gefängnis» aufgelegt war. Mitherausgeber war Daniel Regli, der als damaliger Zürcher Gemeinderat während einer Debatte im Dezember 2016 im Rat für lautes Gelächter sorgte, als er kühn behauptete, dass sich «Homosexuelle zwischen 30 und 40 das Leben nehmen, weil der Analmuskel nicht mehr hält, was er verspricht». Es sei vom Analsex hin zur Homosexualität «nur ein kurzer Weg». Hier der Bericht von Änn Vincent Dällenbach über ein «Wochenende in Bern».
Am Samstag, 25. Juli 2026 fand die BernPride statt. Nachdem ich das Material für den Stand der queeren Kirche deponiert habe, bin ich ein Stück weit mitgelaufen, zum Teil rückwärts auf Kopfsteinpflaster, um Fotos zu machen. Die Stimmung war fröhlich, viele Menschen habe ich gekannt, wir haben uns umarmt, zusammen gefeiert, die Fahnen der Community in der Altstadt bewegten sich im Wind. Ich ging zurück zum Stand, wir legten unser Material aus, auch die Flyer für den multireligiösen Gottesdienst am Sonntag. Besonders freute mich, dass einige Leute das von mir für den Stand gestaltete Banner fotografierten, mich darauf ansprachen und von ihren Erfahrungen mit Kirche und queeren Menschen erzählten.
Für die Rede von Lea Blattner verliess ich den Stand und stellte mich vor die Bühne – ich wollte sie sehen, erleben. Ich habe viel von ihr (auf Instagram) und über sie gelesen, die Morddrohungen seit dem Outing, der Parteiwechsel von der EVP zu den Grünen, das Engagement gegen Konversionsmassnahmen. Am Stand hatten wir die Petition für ein Verbot von Konversionsmassnahmen (oft verharmlosend Therapie genannt) im Kanton Bern. Lea sprach über ihre Erfahrungen, die Hälfte ihres Lebens gegen sich selbst zu kämpfen. Sie zündete Kerzen an, eine für die Menschen, die gegangen sind, die es nicht geschafft haben. Die zweite für diejenigen, die aktuell mittendrin sind, die schweigend in einem Hauskreis sitzen, die nicht an die Pride dürfen. Die dritte aus Wut über die verlorenen Jahre, über alles, was nicht zurückkommt. Dann wandte sich Lea an diejenigen, bei denen diese Praktiken stattfinden:
«Und jetzt sage ich zwei Punkte, die ebenfalls wichtig sind zu sehen. Nicht alle Kirchen machen das. Es gibt viele Gemeinden in diesem Land, die den Weg gegangen sind und heute Menschen segnen, statt sie reparieren zu wollen.
Und, Seelsorge kann das Beste sein, was einem Menschen passiert. Ich habe Seelsorge erlebt, die mich zerstört hat, und Seelsorge, die mich zurückgeholt hat. Ohne die zweite Sorte wäre ich heute nicht hier.
Der Unterschied ist ein einziger. Die einen wussten schon vorher, was aus mir werden soll. Die anderen nicht. Genau diese Grenze gehört ins Gesetz.
Diese Kerze brennt für die, die raus gekommen sind. Für die, die neu anfangen mussten, ohne Gemeinde, ohne Familie, manchmal ohne Sprache für das, was passiert ist.»
Die fünfte und letzte Kerze zündete Lea an für den Tag, an dem das schweizweite Verbot endlich kommt, wenn das Warten auf «den Bericht» als letzte Ausrede wegfällt und die Politiker*innen im Bundeshaus endlich handeln.
Für mich war diese Rede der Höhepunkt der BernPride – eine mutige junge Frau, die ihr Leben teilt, sich angreifbar macht und klare Worte findet für das, dem sie nach eigenen Worten entkommen ist. Den ganzen Text der Rede findet ihr hier.
Kurz danach ging ich nach Hause – weil ich müde war, voll von Eindrücken und Begegnungen – und weil ich fit sein wollte für den Gottesdienst am Sonntag.
Ich war sehr früh in der Kirche St. Peter & Paul neben dem Rathaus – ich hatte das Dekomaterial für den Apéro bei mir, Regenbogenservietten, einen Folienregenbogen und Teller in allen Farben des Regenbogens. Während des Aufbaus brachte mir jemand ein paar Exemplare eines Büchleins mit dem Titel «Befreiung aus dem Homo-Gefängnis», die sie in der Taufkapelle und auf dem Schriftenstand der christkatholischen Kirchgemeinde gefunden hatte. Ich nahm sie an mich. Später brachte mir jemand den Pfarrer-Check 2.0, und andere berichteten davon, dass sie angesprochen wurden auf dem Weg in die Kirche, ob es angemessen sei, einen queeren Gottesdienst zu feiern.
Der Gottesdienst begann mit einer Gedenkminute für die Opfer des Anschlags von Berlin am vergangenen Abend. Besonders berührend waren die Worte des jungen Muslims, der über seinen persönlichen Weg redete, seine Queerness und seinen Glauben nicht als «entweder – oder» sondern als «sowohl – als auch» zu sehen, die Liebe zu seinem Partner als Ausdruck seines Glaubens zu sehen statt als Ausdruck davon, die Beziehung offen und frei zu leben.
Im Anschluss an den Gottesdienst führten die Journalist*innen des französischen und italienischen TV der Schweiz noch Interviews und in allen drei Tagesschau Hauptausgaben des Abends wurde über unseren Gottesdienst berichtet.
Am Montag dann las ich das gut 80-seitige Büchlein, herausgegeben 2008 von der «Familienlobby Schweiz» und verfasst von Daniel Regli und Theo B. und es hat mich die ganze Woche nicht losgelassen, darum sitze ich eine Woche nach dem queeren multireligiösen Gottesdienst hier und schreibe.
Was macht es mit Menschen, wenn sie in einer Kirche, in der ein queerer Gottesdienst gefeiert wird, in der Taufkapelle und auf dem offiziellen Schriftentisch ein Büchlein finden, dessen Untertitel «Ein ehemaliger Homosexueller berichtet von Sexsucht, Prostitution und Aids» ist? Mir kamen auch die Kreidesprüche auf dem Heimweg am Samstag in den Sinn – Bibelverse, Anti-Gender-Parolen (die meisten wurden, da neben einem Brunnen geschrieben, sofort gelöscht, aber einige waren auch am Montagabend auf dem Weg zum Gedenkanlass für Berlin noch sichtbar).
Das Cover des Büchleins ist rot, mit Schatten von Gitterstäben. Etwa die Hälfte des Bildes nimmt ein junger Mann ein, der sitzt und nachdenklich den Kopf in die Hand stützt. Er trägt ein schwarzes Hemd, dunkle Jeans und mehrere Armbändchen am Handgelenk. Der Mann selbst hat kurze, schwarze Haare, einen dunklen Dreitagebart und schwarze Augen – auch eine KI-Bildanalyse kommt zum Schluss: «Das Model bedient optisch eher südländische oder mediterrane Stereotype» und «Das sterile, fast bedrohliche Rot im Hintergrund wirkt wie die Wand einer Zelle oder ein Alarmzeichen». Es unterstricht das im Titel gewählte Wort «Gefängnis».
Auf mich wirkt das Cover wie «Othering» - eine Gruppe wird als «Anders», als bedrohlich und gefährlich dargestellt, als fundamental verschieden von der eigenen, «normalen» Gruppe. Sexsucht, Prostitution und Aids werden untrennbar mit Homosexualität verknüpft – wer so lebt, endet im Elend.
Der Aufbau des Buches entspricht genau der klassischen «Bekehrungsgeschichte» – das Elend wird auf vielen Seiten beschrieben, die Befreiung durch das Evangelium ein paar Seiten und dann kommen noch Tipps für Ausbruchswillige, in der die Sünde der Homosexualität als nicht gravierender als andere Fehlverhalten aber ebenso todbringend dargestellt wird, es wird betont, das Gefühle ein fatales Leitsystem sind und Not beten lernt. Auf Seite 69 steht: «Dennoch dürfen sich Schwule und Lesben, die das Lebensglück suchen, Gott getrost anvertrauen. Jesus kennt ihre Situation. Er weiss, warum sie homosexuell empfinden. Vielleicht sind sie in schwierigen familiären Beziehungen aufgewachsen. Oder sie wurden sexuell missbraucht. Oder sie haben, wie es in Mode gekommen ist, im Heterobereich schon alle Spielarten ausprobiert und suchten danach einen gleichgeschlechtlichen Kick».
Was bei Daniel Regli absolut nicht im Blickfeld ist: Homosexuelle Orientierung als weder frei gewählt noch durch einen einzelnen Faktor bestimmt. Es gibt kein «Schwulen-Gen», ebenso wenig wie ein «Intelligenz-Gen» oder ein «Grössen-Gen». Wir Menschen sind komplex, Gene erklären nur einen Teil der Unterschiede. Interessant finde ich den «Fraternal Birth Order Effect» – Theo B. hat vier ältere Brüder – eine Immunreaktion der Mutter wird als Erklärung dafür diskutiert. Als widerlegt gilt heute, dass dominante oder schwache Eltern, fehlende Vaterfigur, sexuellen Missbrauch, Verführung, Pornografie, «Lifestyle» oder Erziehung verursacht wird. Die wissenschaftliche Antwort auf die Frage, ob die sexuelle Orientierung veränderbar ist, lautet: Es gibt keine belastbaren Belege dafür, dass Konversionsmassnahmen Homosexualität gezielt in Heterosexualität umwandeln können. Es ist möglich, das Verhalten zu ändern, enthaltsam zu leben oder Beziehungen vermeiden. Die sogenannten «Konversionstherapien» können sogar das Risiko für Depressionen, Angststörungen und Suizidgedanken erhöhen. Seit 1973 ist Homosexualität keine Diagnose in der amerikanischen Psychiatrie mehr und auch die WHO hat sie 1990 aus der ICD-10 (Internationale Klassifikation der Krankheiten) gestrichen, die international seit 1992 in Kraft ist, sie gilt heute in der evidenzbasierten Medizin als normale Variante menschlicher Sexualität oder theologisch gesprochen als «Schöpfungsvielfalt».
Wenn ich die Geschichten von Lea B. und Theo B. nebeneinanderstelle, und ich mich frage, wo den wirklich Freiheit zu finden ist, stosse ich auf zwei völlig unterschiedliche Freiheitsbegriffe: Gehorsam einer gewissen theologischen Norm gegenüber, was im Einzelfall (wie Theo B.) als Gesundheit und Freiheit erlebt werden kann, oder die Erfahrung von Lea B., dem jungen Muslim im Pride-Gottesdienst, die ein authentisches Leben der eigenen Identität leben, Glauben und Queerness verbinden, auf der Bühne an der Pride oder im Interview mit dem Schweizer Fernsehen für die Hauptausgabe der Tagesschau.
Änn Vincent Dällenbach

