Wie kann queeres Leben geschützt werden?

Was haben unser Nationalfeiertag, die BernPride, der Stonewall-Aufstand, der Tyrannenmord von Wilhelm Tell, die Polizei, ein Zirkuszelt, der Anschlag auf den CSD in Berlin, queer und schwul, Migrationspolitik, Trump und der Schutz von queerem Leben gemeinsam? Daniel Frey wagt einen mutigen Spagat.
Vor einer Woche haben wir am 1. August den Nationalfeiertag gewürdigt. Aber meinen «1. August» zelebrierten wir queeren Menschen hier in Bern am 25. Juli, also vor zwei Wochen: Mit einem Marsch durch die Altstadt und der Aare entlang und anschliessend mit nachdenklichen Reden und lauter Musik auf dem Bundesplatz. Mein Lieblingsverein queerAltern Bern präsentierte sich mit einem Stand und forderte mit einem Glücksrad Gött*in Fortuna heraus. Und gleich daneben warb die Berner Kantonspolizei für ein gutes Image. Warum die Polizei an diesem unserem «1. August» gerade sehr wichtig war?
Die Geschichte des queeren «1. August» begann im Juni 1969 in New York: Der Aufstand von queeren Menschen gegen die repressive und diskriminierende Behandlung nicht nur durch die Polizei dauerte sechs Tage.
Die Gäste der Bar «Stonewall Inn» in der Christopher Street waren vorwiegend Menschen, die in etablierten Lokalen keinen Zugang hatten: obdachlose Jugendliche, lateinamerikanische und schwarze trans Frauen, schwule Sexarbeiter und Butches – also in den Augen der Gesellschaft allesamt besonders verachtenswerte Menschen. Aber an diesem denkwürdigen 27. Juni 1969 setzten sich die Gäste der Bar zur Wehr – offenbar urplötzlich und mit allem, was sie ergreifen konnten. Die verdutzten Peiniger zogen sich (vorerst) zurück.
Diesen Kampf gegen die Obrigkeit – verkörpert durch die Polizei – feiern wir seither überall dort, wo mensch das auch darf, mit dem CSD, dem Christopher Street Day oder – wie eben auch in Bern – mit der Pride.
Und wenn ich schon das Bild des «1. August» bemühe, sei mir doch erlaubt, den «heroischen» Stonewall-Aufstand in New York mit dem Helden Wilhelm Tell zu vergleichen, der nach dem berühmten Apfelschuss einst in der «Hohlen Gasse» den heimkehrenden Vogt mit der Armbrust aus dem Hinterhalt erschoss. Dieser Tyrannenmord war dann auch der Auslöser zu einem bewaffneten Aufstand, der nach dem Sieg bei Morgarten die Eidgenossenschaft «mächtig» und «stolz» machte.
Irgendwann da an der BernPride ging mir durch den Kopf: Warum bloss hat es so viele Polizist*innen auf und neben dem Bundesplatz? Wir queeren Menschen sind doch in der Regel friedlich. Oder sind diese vielen Polizist*innen vielleicht sogar zu unserem Schutz da?
Ich schlief wunderbar und zufrieden nach der Pride ein. Musste aber irgendwann auf der Toilette meine volle Blase leeren. Und bei dieser Gelegenheit checkte ich morgens um zwei die Nachrichten auf meinem Handy und war sofort hellwach: «Vorfall in Berlin: Auto rast an CSD in Menschenmenge».
Eine Person starb noch am Tatort, 29 Menschen wurden verletzt, davon mehrere schwer. Der CSD in Berlin wurde gegen 22 Uhr abgebrochen und das Festgelände geräumt. Die Polizei identifizierte rasch einen Verdächtigen aus der islamistischen Szene.
Am Tag darauf eilten die Politiker*innen nach Berlin, um ihre Betroffenheit auszudrücken. Die Flaggen auf dem Reichstagsgebäude wurden auf Halbmast gesetzt. Noch ein Jahr vorher verteidigte Bundeskanzler Friedrich Merz die Entscheidung, während dem CSD auf dem Reichstagsgebäude keine Regenbogenflaggen zu hissen mit der Begründung, dass das Gebäude schliesslich «kein Zirkuszelt» sei.
Nach dem Anschlag hielt Bundeskanzler Merz während einem Gedenkgottesdienst eine Rede. Er sagte: «Wir, die Vertreter der staatlichen Institutionen, werden alles tun, um die Freiheit unseres Landes und unserer Gesellschaft zu schützen – alles».
Alles?
Die Antwort darauf ist klar: Förderprogramme, Beratungs- und Anlaufstellen für queere Menschen leisten unverzichtbare Arbeit und geben Schutz. Ein paar Tage vor dem Anschlag in Berlin hat die deutsche Regierung ausgerechnet die Fördergelder für das Jugendnetzwerk Lambda e.V. – dem bundesweiten Jugendverband, der sich speziell für queere Jugendliche und junge Erwachsene einsetzt – gestrichen.
Zurück zu Friedrich Merz und seiner Rede am Tag nach dem Anschlag auf den CSD in Berlin. Zitat: «Und allen denjenigen, die meinen, mit ihren Bezeugungen und ihrem Tun unser Land zu spalten, Hass und Zwietracht zu säen, denen will ich sagen: Wir werden mit Bedacht, aber auch mit sehr grosser Entschlossenheit alles tun, um genau das zu verhindern».
Ebenfalls am Tag nach dem Anschlag betonten die Organisierenden des Berliner CSD und quasi als Antwort auf die Rede des Bundeskanzlers: «Heute möchten wir dazu aufrufen, die nun anstehende Debatte besonnen zu führen. Hierbei lassen wir uns und unsere Trauer nicht instrumentalisieren. Wir appellieren an die Community, sich nicht spalten zu lassen. Queerfeindlichkeit muss als gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit insgesamt besser bekämpft werden.»
Gleichzeitig wurden nach dem Anschlag die Forderungen rasch nach einerseits neuen Abschieberegeln und andererseits einem Ausbau der Überwachung lauter. Für die Überwachung biete sich die Software der Firma Palantir an, dessen Mitgründer Peter Thiel sich regelmässig queerfeindlich äussert. «Ich bin stolz darauf, schwul zu sein, ich bin stolz darauf, Republikaner zu sein, aber vor allem bin ich stolz darauf, Amerikaner zu sein», sagte Peter Thiel dem US-Präsidenten Trump, der zuvor anordnete die Öffnung der Zivilehe für gleichgeschlechtliche Paare zu überdenken.
Es soll also eine Software eingesetzt werden, um mit einer engmaschigen Überwachung queere Personen zu schützen. Dabei geht aber die Diskussion unter, wie queeres Leben wirklich geschützt werden könnte.
Lassen wir uns nicht spalten
Der Anschlag auf den Berliner CSD ist schrecklich und lässt sich durch nichts verharmlosen. Aber: Gerade in Deutschland erleben CSDs seit Jahren zunehmende Störungen, Anfeindungen durch die rechtsextreme Szene. Dabei werden laut queerfeindliche Parolen geschrien und Regenbogenfahnen verbrannt.
Und derweilen veröffentlichte letzte Woche die NZZ einen Gastkommentar. Zitat: «Mit dem islamistischen Anschlag auf den Christopher Street Day in Berlin ist die islamische Homosexuellenfeindlichkeit endgültig zum Politikum geworden». Dabei falle allerdings auf, dass «manche Vertreter der Szene eine Debatte genau hierüber zu vermeiden versuchen». So habe etwa Berlins Queer-Beauftragte Alfonso Pantisano auf die Frage, was das Leben Homosexueller derzeit am meisten bedrohe, das Gespräch auf die USA gelenkt, denn dort zeige sich, «wie schnell eine Demokratie zusammenbrechen» könne.
Fazit der NZZ: «Tatsächlich haben sich Teile dieser Bewegung mittlerweile auf einen sektiererischen Kurs begeben: Statt die Anliegen von Homo- und Bisexuellen zu vertreten, erheben sie den Gebrauch von Neopronomen zur politischen Maxime.» Neopronomen sind geschlechtsneutrale Wörter, die «er» oder «sie» ersetzen, um nicht-binäre Menschen sichtbar zu machen.
Unter dem Titel «Mehr Realitätsverweigerung geht nicht», bläst natürlich auch die «Weltwoche» ins gleiche Horn und schreibt: «Selbst ein islamistischer Anschlag auf eine Pride-Parade schüttelt LGBTQ nicht wach».
An dieser Stelle müssen wir uns folgende Fragen stellen: Ist «Queer sein» ideologische Queerness, eine Lebensauffassung oder eine Haltung und nur «Schwul sein» oder «Lesbisch sein» eine wertneutrale zufällige Eigenschaft wie Linkshändigkeit?
In einem Interview mit den Tamedia-Zeitungen durfte der Autor Philipp Tingler behaupten, dass die Community nach «dem Erreichen der Gleichstellung» von einer Fraktion übernommen wurde, die «das Etikett ‹queer› adoptierte» und das binäre biologische Geschlecht in «Recht und Kultur durch eine fluide sozial konstruierte Geschlechtsidentität» ersetzen will. Das habe, sagte Philipp Tingler weiter, «einen Akzeptanzverlust für Homos zur Folge», das ursprüngliche Anliegen sei beschädigt worden.
Des Pudels Kern
In einem Punkt stimme ich Philipp Tingler zu, ich zitiere: «Schwul zu sein, ist kein Aufstand gegen das gewöhnliche, normale, durchschnittliche Leben. Es ist einfach eine von vielen Arten, dieses Leben zu führen – genauso würdevoll und genauso menschlich wie Heterosexualität.» Aber haben nicht auch gerade trans, nicht-binäre und intergeschlechtliche Menschen genau das gleiche Recht, würdevoll und menschlich zu leben, wie beispielsweise ich meine «Männlichkeit»?
(Mensch merke an dieser Stelle und es sei nochmals betont: Non-Binarität, Trans- und Intergeschlechtlichkeit haben nichts mit sexuellen Orientierungen zu tun, sondern eben mit der Geschlechtsidentität.)
Ich gehöre zur queeren Community! Und ich bin mindestens in zwei Vereinen Mitglied, die das Wörtchen «Queer» im Namen tragen. Trotzdem darf ich mich weiter als «schwul» bezeichnen und auch männliche Pronomen benutzen. Und natürlich darf ich mich als schwuler cis Mann mit lesbischen, bisexuellen, trans, nicht-binären, intergeschlechtlichen und anderen queeren Menschen solidarisieren. Viele unserer Themen – wie eben gleiche Rechte, Würde und Menschlichkeit – sind dieselben, auch wenn wir darunter teils spezifische Anliegen formulieren. Wir überschneiden uns auch in unseren queeren Existenzen: Nicht alle Lesben, Bisexuellen und Schwulen sind cis, nicht alle trans, nicht-binären und intergeschlechtlichen Menschen sind hetero.
Und auch wenn ich nicht mehr ganz so jung bin, weiss ich doch eigentlich ziemlich genau, was Non-Binarität bedeutet – nämlich eine Geschlechtsidentität, bei der sich eine Person weder ausschliesslich als Mann noch als Frau versteht – passiert es mir immer wieder, dass ich falsche Pronomen benutze, Personen als «weiblich» oder «männlich» zuordne, was notabene wohl vor allem daran liegt, dass wir in unserer Sprache Neopronomen gar nicht kennen.
Schwache schützen, Ausgrenzung vermeiden und Gewalt nicht als Vorwand für mehr Härte nutzen
Gesellschaftliche Gleichgültigkeit, Stigmatisierung und Gewaltexzesse gegenüber queeren Menschen lässt sich nur durchbrechen, wenn die Sicherheit von queeren Menschen ernsthaft angegangen wird: Durch Finanzierung queerer Organisationen und Schutzräumen, konsequenter Verfolgung queerfeindlicher Straftaten und einer menschwürdigen Migrationspolitik. Und durch – wie die Republik schrieb und einen erfrischenden Kontrast zur sonstigen Medienberichterstattung setzte – «eine Politik, die konsequent menschenfreundlich ist: Die Schwache schützt, Ausgrenzung vermeidet und Gewalt nicht als Vorwand für mehr Härte nutzt».
Daniel Frey

