Bin ich eine Frau? Oder bin ich etwas Dimorphes?

Dieses Fragen nach dem Frau-, nach dem Mannsein, nach dem Dimorphen ist mir vor einigen Tagen im Film von Regina Schilling «Ingeborg Bachmann – Jemand, der einmal ich war» begegnet.
Eigentlich hatte ich gedacht, dass ich mich in der Vergangenheit mehr als ausreichend mit Frauen- und Geschlechtergeschichte, Gender Theorien und Queerness beschäftigt hatte und diese Themen in meinem Leben nicht mehr so wichtig seien. Mir schien, dass ich für mich eine Weise gefunden hatte, zwischen den Polaritäten «männlich» und «weiblich» zu navigieren, ohne mich allzu sehr von den gesellschaftlichen Erwartungen einengen zu lassen. Dabei hoffte ich, dass sich über die Zeit die Geschlechterpolaritäten mehr und mehr aufweichen und an Wirkkraft verlieren würden.
Doch dann begannen sich Junge als «non-binär» zu bezeichnen und forderten man müsse offenlegen, mit welchen Pronomen man angesprochen werden möchte. Indem die Jungen diese neue Kategorie schufen, eigneten sie sich den Graubereich an, der mir, wie ich es empfand, einiges an Freiräumen bot, und zwangen mich, mich neu zu verorten. Sollte ich mich nun als «non-binär» bezeichnen, nachdem ich mehr als sechzig Jahre als lesbische Frau, die dem Feminismus viel abgewinnen konnte, gelebt und mich über Jahrzehnte für die Gleichstellung von Frauen und Lesben engagiert hatte?
Als sich dann Ingeborg Bachmann im Film die Frage stellte, ob sie eine Frau sei oder etwas Dimorphes, fragte ich mich spontan, ob sie sich heute als non-binär bezeichnen würde. Die Montage von Bild, Ton und Text im Film lässt einem hautnah erfahren, in welchem Umfeld und in welchen Spannungsfeldern sich die Bachmann bewegte. Der Film zeigt eindrücklich, wie Männer die Literaturszene der Nachkriegszeit besetzten und prägten. Unter diesen Männern kam mir die Bachmann wie ein Wesen aus einer anderen Welt vor. Zwar wurden die Texte der Bachmann gefeiert und sie wurde als «moderne» Frau bezeichnet. Doch sowohl ihre Texte als auch ihre Beziehungen zu Männern machen deutlich, wie spannungsgeladen ihr Leben als Frau und Schriftsteller war (sie selber verwendete für sich die männliche Form). Ein Kollege von Paul Celan riet diesem, sich von Ingeborg Bachmann zu trennen, weil sie sehr «unfraulich» sei und in ihren eigenen Wirrnissen lebe. Der schwule Komponist Hans Werner Henze spricht im Film euphorisch von der Zusammenarbeit mit Bachmann, während sie enttäuscht zum Ausdruck bringt, dass sie bei ihm weniger Chancen habe als irgendwelche Bauernjungen in der Umgebung.
Mit etwas mehr Distanz zum Film zweifle ich, ob sich Ingeborg Bachmann heute als non-binär bezeichnen würde. Viel eher vermute ich, dass es ihr im aktuellen gesellschaftlichen Kontext, in dem Frauen nicht mehr ausschliesslich als Hausfrauen und Liebhaberinnen von Männern gesehen werden, eher gelungen wäre, die Rollen als Frau und als Schriftstellerin miteinander zu verbinden.
Auf jeden Fall kann ich den Film allen, die sich für Geschlechterrollen, Geschlechtsidentitäten oder Literatur interessieren, sehr empfehlen. Ingeborg Bachmann hat vor mehr als fünfzig Jahren eine Sprache gesucht für Themen, die uns auch heute noch beschäftigen. Beispielsweise hat sie als Grundlage für ihr unvollendetes Romanprojekt «Todesarten», Zeitungsartikel von Gewaltvorfällen gegenüber Frauen gesammelt – wir sprechen heute von Femiziden.
Yvonne Brütsch

