Spiritualität queerer Menschen im Alter

Im Juni 2026 fand an der Uni Bern ein Workshop statt, in Kooperation der Theologischen Fakultät der Universität Bern mit den drei queerAltern-Vereinen in Basel, Bern und Zürich.
Es ging um die Frage, ob es eine altersspezifische Spiritualität gebe und wenn ja, was queere Menschen im Alter in Bezug auf Spiritualität auszeichne. Ein Ziel des Tages war auch, mit ausgewiesenen Fachpersonen und untereinander ins Gespräch zu kommen.
Isabelle Noth von der Uni Bern (Abteilung Seelsorge, Religionspsychologie und Religionspädagogik) und Udo Rauchfleisch von der Uni Basel referierten, Kaltërina Latifi, Heidi Liechti, Katharina Müller und Martin Steven boten Workshops an. Leider war Mathias Wirth krank und somit fiel sein Workshop «Welche Ethik braucht das Christentum, damit LGBTIQ-Personen im Alter auch ihre spirituellen Bedürfnisse gut leben können?» aus.
Alle Teilnehmenden konnten am Nachmittag zwei Workshops besuchen – ich entschied mich für «Queere Biografiearbeit zwischen Resilienz und Sinnsuche» (Heidi Liechti) und «Was macht Sinn? Sinnesorientierung erfahrbar machen, Rituale und Gespräche bei demenzieller Beeinträchtigung» (Katharina Müller).
Kaltërina Latifi bot einen Workshop an zu «Kunst als Widerstand und gelebte Spiritualität» (Lucie Schwob/Claude Cahun) und Suzanna Malberbe/Marcel Moore, Martin Steven zu Spiritualität auf Reisen: «Von den Grenzen des Alters zur Erfahrung neuer Horizonte».
Bei der Begrüssung wurde kurz die Entstehung des Tages beleuchtet: In Kappel fand vor einem Jahr eine ausgebuchte Tagung zur letzten Wegstrecke, eine Annäherung ans Altern und Sterben. Auch Spiritualität rückte mehrmals in den Fokus, allerdings kamen mehr Fragen auf als Antworten gefunden wurden. Heidi Liechti schlug Isabelle Noth vor, es an der Uni Bern zu machen, Räume und Infrastruktur sind da. Professor Udo Rauchfleisch war zur Mitarbeit bereit. Barbara Bosshard, die Präsidentin von queerAltern Zürich betont, dass es das erste Mal ist, dass alle drei queerAltern-Vereine (Basel, Bern und Zürich) einen gemeinsamen Anlass durchführen.
Im Referat «Begriffe, Definitionen und Forschungsstand» stellt Isabelle Noth fest, dass seit etwa 20 Jahren von «Religionspsychologie und Spiritualität» die Rede ist, vorher war es einfach Religionspsychologie. Das Wort Spiritualität wird verschieden gefüllt, es ist also wichtig nachzufragen, was die Person darunter versteht. Das Thema Spiritualität ist im Trend, für viele umfasst es alles, was nicht «kirchlich verortbar» ist und somit eine spätmoderne Religiosität. Unterschieden werden muss auch die wissenschaftliche Definition und der Alltagsgebrauch.
Die Wissenschaft untersucht, ob es so etwas wie eine Altersspiritualität wirklich gibt, im dritten Lebensabschnitt zwischen 60 und 80/5 Jahren und im vierten ab 80/5 Jahren. Die Verlusterfahrungen nehmen sukzessive zu, die Gesundheit, Abschiede von nahen Menschen.
Die Antwort der Forschung ist in der Regel beides: Wer spirituell war, wird das in der Regel bleiben, bei sich ändernden Themen. Im Bereich der Resilienz gibt es das sogenannte Altersparadox: das Wohlbefinden ist höher (besonders im Vergleich zu den 45- bis 50-jährigen), trotz Vulnerabilität, auch körperlicher Art. Das hat eine gewisse Logik, die Lebenserfahrung, die durchgestandenen Krisen. Bei der ersten schrecklichen Lebenserfahrung fühlt es sich so an, das sei das Leben fertig - und irgendwann kommt das Alter, in dem mensch nicht mehr weiss, mit wem mensch etwas gehabt hat und wird nicht mehr so schnell aus dem Sattel geworfen.
Gleichzeitig gilt auch, dass Entwicklung bis ins hohe Alter weitergeht, die Persönlichkeit wachsen kann. Auch Generativität kommt ins Spiel, Jüngere zu empowern, aus der eigenen Erfahrung weiterzugeben. «Mit dem Alter kommt der Psalter» kann zutreffen, gleichzeitig leeren sich die Kirchen und die Bänke im Gottesdienst bleiben leer.
Isabelle Noth betont, dass es aus theologischer Perspektive wichtig ist zu sagen: ich darf auch nicht wachsen wollen, ich darf auch einfach sein.
Udo Rauchfleisch beginnt seine Ausführungen zur Spiritualität queerer Menschen im Alter mit der Feststellung, dass es sehr wenig Literatur gebe. Das Einlassen auf das Abenteuer habe dazu geführt, dass er sehr viel gelernt habe.
«Wir Menschen haben ein Bedürfnis nach Spiritualität, den Wunsch, dem eigenen Leben einen Sinn zu geben und einen Rahmen für existentielle Fragen zu haben.»
Er führt aus, dass es nicht «die queere Spiritualität» gebe, sondern Spiritualität queerer Menschen mit spezifischen Erfahrungen. Besonders prägend für queere Menschen sind diese beiden:
- vielfältige Verletzungen in den Kirchen
- in der Öffentlichkeit diskriminiert und strafrechtlich verfolgt
Es gibt sieben Aspekte, die zu betrachten sind:
- Anerkennung des Reichtums und der Vielfalt der Schöpfung.
- Befreiung durch die Neubewertung der biblischen Botschaft und der kirchlichen Tradition.
- Auflösung von Scham- und Schuldgefühlen.
- Bewältigung der Trauerarbeit.
- Auseinandersetzung mit der Endlichkeit des Menschen.
- Entwicklung einer eigenen Spiritualität und Besinnung auf die eigenen Werte.
- Finden einer Gemeinsamkeit, die den anderen Menschen in seinem Anders-Sein wahrnimmt und akzeptiert.
Am Ende steht folgendes Fazit: «Die Spiritualität queerer älterer Menschen ist durch ihre spezifischen Lebenserfahrungen in den Kirchen und der Mehrheitsgesellschaft geprägt. Hinzu kommen ihre je eigenen biografischen Erfahrungen. Die genannten sieben Aspekte stellen übergreifende zentrale Dimensionen dar, die bei der Auseinandersetzung mit dem Thema zu berücksichtigen sind.»
Was hat sie überrascht? Was müssen wir klären?
Im Anschluss an die beiden Referate und vor dem Mittagessen hat das Publikum die Möglichkeit, sich zu diesen beiden Fragen zu äussern.
Jemand weist auf die «Queerbibel» hin, die auch online zugänglich ist und eine andere Person darauf, dass im griechischen Text des ersten Petrusbrief Gottes Gnade als «bunt, vielfarbig, regenbogenfarbig» bezeichnet wird (in deutschen Bibeln meist als «vielfältig» übersetzt).
Ein besonderer Moment war der Hinweis auf die Aids-Epidemie, die kollektive Trauer der schwulen Männer. «Gott rächt sich», «die schwule Pest» sind Slogans, die sich ins Gedächtnis eingebrannt haben, die geschätzt 3'000 bis 3'500 schwulen und bisexuellen Männer, die gestorben sind, an deren Beerdigungen die Partner nicht teilnehmen durften, sie nicht im Krankenhaus begleiten durften. Erst 1992 wurde Homosexualität aus der Liste der psychischen Krankheiten gestrichen. Auch jetzt, wenn ich das schreibe, habe ich wieder Hühnerhaut.
Jemand weist darauf hin, dass Kirche nicht nur unter dem Aspekt der Verletzung und Diskriminierung gesehen werden darf, dass die erste Segnung eines schwulen Paares in der Nydeggkirche (Klaus Bäumlin, engagierter Aids-Seelsorger, 1995) sicher die Abstimmung über das Partnerschaftsgesetz (2005) beeinflusst habe.
Eine weitere Person weist auf Kontemplation und den Buddhismus hin, dass häufig trans und nicht-binäre Menschen ausgeschlossen werden, dass es Verzweiflungsarbeit gibt, also nicht nur Trauer über das, was war, sondern ein Anerkennen davon, wie hilflos es macht, die ignoranten und zum Teil feindlichen Äusserungen in der Community immer und immer wieder zu erleben.
Jemand berichtet davon, in einem Dorf zu leben, Schafe zu halten und zu erleben, wie Kindern nicht zu Besuch kommen dürfen, weil Pädophilie und Homosexualität gleichgesetzt werden, was auch dazu führt, dass sich viele im pädagogischen Bereich tätigen nicht outen. Trotz vieler «Aufklärungsversuche» kommt es immer wieder vor, wenn z.B. Bundeskanzler Merz (2020) in Bezug auf einen möglichen schwulen Bundeskanzler sagt: «Über die Frage der sexuellen Orientierung, das geht die Öffentlichkeit nichts an. Solange sich das im Rahmen der Gesetze bewegt und solange es nicht Kinder betrifft – an der Stelle ist für mich allerdings eine absolute Grenze erreicht –, ist das kein Thema für die öffentliche Diskussion.»
Ein weiteres Votum geht darauf ein, dass bei Lesben die Rolle und Diskriminierung der Frau oben darauf komme, dass eine Vermischung der Kulturen auch «Oberwasser» für Patriarchatsgedanken zur Folge haben kann.
Fortsetzung folgt!
Da ich einen Artikel und kein Buch schreiben will, gibt es demnächst einen Teil zwei.
Änn Vincent Dällenbach, queere*r Theolog*in (they/them)

