Eindrücke von der diesjährigen LGBTIQ Conference: Die Angst vor der Unsichtbarkeit

Auch 2026 führten die queeren Dachorganisationen der Schweiz die LGBTIQ+ Conference für ihre Aktivist*innen und Mitgliederorganisationen durch, und zwar am Samstag, 17. Oktober in der «Heitere Fahne» in Wabern bei Bern. Ein Tag voller spannender und neuer Inputs für den Vereins- oder Aktivismusalltag, die einmalige Gelegenheit, sich mit Aktivist*innen sprachübergreifend zu vernetzen und das eigene Wissen auf dem neusten Stand zu halten.
Die Tagung stand unter dem Thema: «Wie leben wir Migrationsgerechtigkeit und Antirassismus in der queeren Community?» – mit dem bewussten Fokus auf Praxis statt nur Diskussion. Wie können wir unterschiedliche queere Lebensrealitäten im Zusammenhang mit Migration, Flucht und Rassismuserfahrungen selbstverständlich mitdenken und stärken? Was können wir lernen von den Menschen und Organisationen, die dies bereits tun? Wie jedes Jahr bot die LGBTIQ+ Conference Raum für Austausch, Vernetzung und Zusammenarbeit über Sprachgrenzen und andere Grenzen hinweg.
Das Programm
Nach dem Grusswort der Gemeindepräsidentin von Köniz folgte ein Input-Referat von Rahel El-Maawi, der Co-Autorin von «No to racism, Soziokultur in Bewegung» und vor und nach dem Mittagessen verschiedene Workshops zum Thema der Tagung in verschiedensten Workshops.
Wie schon letztes Jahr war ich am Check-in am Einsatz und unterstützte einen reibungslosen Ablauf, in Zusammenarbeit mit dem Team der Heitere Fahne und «angetrieben» von köstlichem Latte Macchiato mit Hafermilch.
Ich habe also nicht am Programm teilgenommen aber einen guten Überblick über das Kommen und Gehen und ab und zu die Gelegenheit für ein Gespräch oder einen kurzen Ausflug in den Saal.
Im Anschluss an die Workshops gab es einen Erkenntnis Austausch, einen Abschluss, einen gemeinsamen Fototermin und einen reichhaltigen Apéro (statt einer Community-Night mit Nachtessen und Show) mit anschliessendem Barbetrieb zum gemeinsamen Austauschen und Geniessen statt.
Das Herzstück der Conference waren wie immer die Workshops – die Details findet ihr hier.
Hier einfach die Einladungstexte der in deutscher Sprache durchgeführten Workshops und die Titel und Protagonist*innen der anderen:
Vormittagssession
- WS A1 DE: Wo können wir Brücken schlagen zwischen queerer Emanzipation und anti-rassistischen Forderungen? Mit Ahmed Ajil (Fachstelle RADICAL bei männer.ch)
Was bedeutet es, in der Schweiz Rassismus zu erleben? Welche Formen von Rassismus gibt es und wie drücken sie sich aus? Was bedeutet Intersektionalität konkret? Wo lassen sich hier Brücken schlagen zwischen anti-rassistischen Ansätzen und Bewegungen und der Ermächtigung queerer Menschen? Wo befinden sich die Leerstellen und Spannungsfelder? In diesem Workshop wollen wir diesen Fragen auf den Grund gehen, kritisch bei uns selbst hinschauen und Hoffnung für positive Veränderungen schöpfen.
- WS A2 DE: Rassismus trifft Queerness – Stimmen aus gelebten Realitäten. Mit Maximilian Grieger und Roger Furrer (kweercare) und Ömer Atesci (Pink Cross)
Rassismus und Migrationserfahrung wirken sich direkt auf Gesundheit, Teilhabe und den Zugang zu Versorgung aus – auch innerhalb queerer Räume. Im Workshop stehen Stimmen aus gelebten Realitäten im Zentrum: Was heisst es, mehrfach diskriminiert zu werden, und was bedeutet das für Pflege, Beratung und Community-Arbeit? Ausgehend von kurzen Impulsen aus der «kweercare soirée» arbeiten wir in Kleingruppen an konkreten Situationen aus dem Alltag der Teilnehmenden, benennen Barrieren im Gesundheits- und Unterstützungssystem und entwickeln gemeinsam Handlungsansätze für eine rassismuskritische, queersensible Care-Praxis.
- WS A3 FR: Unité et liens sincères. Avec Emmanuelle et Chantal Mariam (Mosaïk Bienne)
- WS A4 EN: Community Organising Beyond Borders. With Milchjugend/lila. queer Festival
- WS A5 EN: Advocacy Beyond Borders. With LOS & Accept Romania
Das Mittagessen und ein freiwilliges Networking Speedfriending in der Kegelbahn boten Gelegenheit zum Aufladen der Batterien.
Nachmittagsssession:
- WS P1 DE: Nicht queer genug?.Mit Marc, Livia (Queeramnesty) und Lea (Bi+ Schweiz)
Queere geflüchtete Menschen sind stark von Diskriminierung betroffen. Geflüchtete aus dem Bi+ Spektrum sind dabei besonders oft mit Vorurteilen und Unsichtbarkeit konfrontiert – sowohl bei Behörden als auch innerhalb der Community. Bi+ Menschen machen fast 60 Prozent der LGBTQIA+ Community aus und bleiben dennoch häufig unsichtbar, selbst in queeren Räumen und Institutionen. Dieser Workshop beleuchtet persönliche Bi+ Erfahrungen im Kontext von Migration und Mehrfachdiskriminierung. Zudem wird der Asylkontext etwas näher betrachtet. Gemeinsam diskutieren wir, wie (queere) Räume solidarischer und inklusiver gestaltet werden können.
- WS P2 DE: Sicherheit für wen? Queere Räume im Spannungsfeld von Schutz und Polizeigewalt. Mit Alessandra Widmer und Tabea Rai (LOS)
Hate Crimes nehmen zu, Prides werden angegriffen, der Ruf nach mehr Sicherheit ist laut. Doch Sicherheit ist nicht für alle dasselbe. Für manche bedeutet Polizeipräsenz an einer Pride Schutz und Handlungsfähigkeit. Für rassismusbetroffene Queers, für Sans-Papiers, Sexarbeitende, trans Personen oder Menschen ohne festen Wohnsitz bedeutet dieselbe Präsenz Kontrolle, Racial Profiling und Gewalt. Wir fragen: Wessen Sicherheit wird mitgedacht, und wessen wird dafür geopfert? Wo ist Zusammenarbeit mit der Polizei pragmatisch nötig, und wo reproduziert sie die Gewalt, vor der sie schützen soll?
- WS P3 FR: De l’exil à l’accueil: Pratiques de justice migratoire pour les personnes LGBTIQ+. Avec Natalia Cuajy Sarrias (Asile LGBTIQ+)
- WS P4 FR: Discriminations intersectionnelles des personnes LGBTIQ+ réfugiées et en demande d’asile en Suisse. Avec Rosida Koyuncu et Marie Sigrist (InMind)
- WS P5 EN: Mapping and Addressing Spanish-Speaking Queer Communities in Switzerland. With Apolonio Huerta, Former Chair Zurich Chapter of Democrats Abroad
Grusswort
Für das Grusswort von Tanja Bauer, der Gemeindepräsidentin (SP) von Köniz ging ich kurz in den Saal.
Köniz wird oft zu Bern «geschlagen» aber ist eine eigene Gemeinde, und zwar die viertgrösste des Kantons Bern und die dreizehntgrösste der gesamten Schweiz. Die «Heitere Fahne» hat eine ganz besondere Geschichte – gegründet als Brauereibeiz (Gurten Bier) war sie der Treffpunkt der Bevölkerung von Wabern. Zwischen 1920 bis 1970 war die Blütezeit des Ortskerns, die Dorfstrasse war der soziale Mittelpunkt, Kultur und Vereinsleben. In die Zeit des Strukturwandels ab 1980 fiel der Konkurs des Gasthauses, ein Hochhaus war geplant aber politisch chancenlos, also Leerstand, das Gebäude verfiel, der historische Ortskern verlor Sichtbarkeit und Anziehungskraft. Ab 2013 übernahmen mutige Menschen als Mieter*innen das Gebäude und bauten den inklusive Kultur- und Begegnungsort «Heitere Fahne» auf. Heute werden nach neuen Besitzverhältnisse gesucht, um eine verlässliche und fantasievolle Weiterentwicklung der Liegenschaft und sichern sie für kommende Generationen.
→ Wer mehr darüber wissen und Bilder sehen möchte
Nach der Rede kam Tanja noch am Check-in vorbei und ich dankte ihr für das Gesagte. Wir kamen ins Gespräch über die Angst vor Unsichtbarkeit, wenn «das Kleine» im «Grossen» untergeht. Einige Leute in der Community haben Mühe mit dem Begriff «queer» und finden, dass schwule oder lesbische Anliegen untergehen. Zuhören ist das eine, die richtigen Fragen stellen das andere. «Warum vertrittst du das Anliegen x, was ist das Bedürfnis dahinter?» Ein politisches Beispiel wäre, um Parkplätze zu streiten, aber eigentlich ginge es um einen Platz, an dem sich Menschen begegnen können.
Das erinnert mich an die Geschichte der Orange: zwei Kinder streiten um eine Orange, die Mutter will schlichten. Die naheliegende Lösung wäre, die Orange zu halbieren – aber diese Mutter macht es anders. Sie fragt die Kinder, WARUM sie die Orange wollen. Ein Kind will einen Kuchen backen und braucht die Schale dafür und das andere Kind braucht den Saft, um den Vitamin C Gehalt für ein Chemieprojekt zu bestimmen. Die «einfache» Lösung hätte also beide Kinder unglücklich gemacht und die Frage nach dem zugrundeliegenden Bedürfnis führte zu drei glücklichen Personen.
Vor dem Mittagessen hatte ich Gelegenheit, ein paar Worte mit Victor aus Rumänien zu wechseln – zusammen mit der LOS gestalteten er und einige andere von «Accept Romania» den Workshop 5 am Morgen.
Er stellte mir seine Präsentation zur Verfügung. Seit 2007 ist Rumänien Mitglied der EU und hat bei ungefähr 19 Millionen Einwohner*innen mit 42/49 den niedrigsten ILGA Europe Rainbow Map Rank im Jahr 2026 – zum Vergleich: die Schweiz hat Position 20.
Das Land ist vor allem Christlich-orthodox, eine eher konservative soziale Haltung und starke Betonung auf Familie. 2016 wurde die Istanbul Konvention gegen Gewalt an Frauen unterzeichnet.
Nach Zeiten von Verfolgung mit internationaler Aufmerksamkeit kam es 1989 zum Fall des Kommunismus, aber das Gesetz blieb in Kraft.
Seit 1996 sind «nur noch» öffentliche und skandalöse Handlungen verboten, private sind entkriminalisiert.
Seit 2001 sind gleichgeschlechtliche Handlungen legal. Es besteht im Bereich der Arbeitswelt Schutz vor Diskriminierung und Zugang zu Gütern und Dienstleistungen (sexuelle Orientierung). Es gibt Gesetze gegen Hassverbrechen (sexuelle Orientierung). Es bestehen Organisationen und informelle Gruppen in zehn Städten und ein starkes trans Netzwerk (peer2peer). In vier Städten gibt es Pride (seit 2005, 2017, 2019, 2021) und ein begrenztes, aber wachsendes Angebot von LGBTQI+ Gesundheitsfürsorge und Allyship.
Was noch fehlt (Liste nicht vollständig): Ehe oder Eingetragene Partnerschaft für gleichgeschlechtliche Paare (seit 2008 im Zivilgesetzbuch verboten), kein Schutz der geschlechtlichen Orientierung in der Arbeitswelt, kleine klaren gesetzlichen Verfahren bezüglich Anerkennung von Gender. ICD9 und 10 und damit bleibt die Pathologisierung von trans und non-binären Menschen weiterhin in Kraft. Trans Identitäten werden in den Gesetzen bezüglich Diskriminierung und Hassverbrechen nicht eingeschlossen. Es gibt kein Verbot von Konversionsmassnahmen und Sexualkunde gilt als LGBTIQ+ Propaganda. Die radikale Rechte greift gezielt Gruppen und Gesetzesvorschläge im Bereich Gleichstellung an.

Wer Bilder (unter anderem von der Bucharest Pride) sehen möchte, kann es auf der rumänischsprachigen Website tun.
Ich bin sicher, dass Teilnehmende noch Artikel «inhaltlicher» Art schreiben werden aber hier einfach ein Kurzbericht aus meiner Perspektive am Check-in.
Änn Vincent Dällenbach (they/them)

